Erdogan in Davos : Applaus von der Hamas

Der türkische Premier Erdogan kritisiert Israel, um damit innenpolitisch zu punkten. Erdogan sollte aber wissen, auf welcher Seite der internationalen Gemeinschaft er stehen will.

Thomas Seibert

Als jemand, der den Isra elis endlich einmal die Meinung geigt, wird der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan nach den denkwürdigen Ereignissen von Davos von seinen Anhängern gefeiert. Ausgerechnet der einzige demokratisch gewählte Regierungschef eines muslimischen Landes in der Region und dazu der Premier eines Partners Israels streitet sich öffentlich mit Schimon Peres. Nun wird die Befürchtung laut, die Türkei werde im Nahostkonflikt immer mehr zum Teil des antiisraelischen Lagers. Das will die Türkei zwar nicht – ihr ist an strategischen Beziehungen zu Israel gelegen. Doch nach dem Zwischenfall von Davos sollte Erdogan diesen Willen zur Konti nuität der Partnerschaft mit Israel möglichst rasch öffentlich demonstrieren, und zwar ähnlich spektakulär, wie er seine Kritik an Jerusalem zum Ausdruck brachte.

Möglicherweise ist Erdogan am Donnerstagabend tatsächlich einfach der Kragen geplatzt. Der Tod mehrerer hundert Zivilisten in Gaza und die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, die Gewalt zu stoppen, hatten überall in der Türkei in den vergangenen Wochen für Entsetzen gesorgt. Erdogan selbst hatte Israel bereits lange vor seiner Reise nach Davos heftig kritisiert. Zwei Monate vor den wichtigen Kommunalwahlen dürf te es dem Parteipolitiker Erdogan recht sein, dass viele Türken sein Verhalten in Davos begrüßen.

Doch Erdogan sollte sich auch ansehen, welche Seite der internationalen Arena ihm nach seinem Auftritt in Davos applaudierte. Die Hamas bedankte sich, und auch der Iran zollte dem türkischen Premier Respekt. Es ist nicht gut für die Türkei, wenn ihre Beziehungen zu diesen Akteuren nicht durch ein stabiles und enges Verhältnis zu Israel ausgeglichen werden, und das weiß Erdogan auch. Die Türkei hat in den vergangenen Jahren im Nahen Osten nur deshalb politische Erfolge – wie die Einleitung der israelisch-syrischen Friedensgespräche – feiern können, weil sie als unparteiisches Land galt. Wenn sie sich jetzt auf die antiisraelische Seite schlägt, verliert sie ihre besondere Stellung und viel von ihrem Einfluss.

Auch innenpolitisch steht Erdogan nach Davos neuen Risiken gegenüber. Er ist drauf und dran, durch seine öffentliche Kritik an Israel antisemitische Tendenzen in der türkischen Öffentlichkeit zu stärken. In jüngster Zeit werden bei seinen öffentlichen Reden häufig antiisraelische Parolen gerufen. Daran kann Erdogan nicht gelegen sein – nicht mit Blick auf den gesellschaftlichen Frieden im eigenen Land, nicht mit Blick auf die tür kische EU-Bewerbung und auch persönlich nicht. Erdogan ist zwar ein frommer Muslim, aber kein Extremist.

Peres signalisierte am Freitag, dass er trotz der Ereignisse von Davos an der Partnerschaft zur Türkei festhalten will. Der israelische Botschafter in Ankara sagte eine baldige Rückkehr zur Normalität in den Beziehungen voraus. Auch Erdogan sollte sich nun darum bemühen, die Wogen zu glätten, Wahlen hin oder her. Seine Rede vom Freitag, in der er sich demonstrativ vom Antisemitismus distanzierte und sich antiisraelische Sprechchöre seiner Anhänger verbat, war ein erster Schritt. Weitere sollten folgen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben