Meinung : Es gibt wieder Roulade

Jeder Wähler ist auch ein Verbraucher – im Wahlkampf spielt das aber kaum eine Rolle

Heike Jahberg

Wir sind die Letzten in der Kette. Bauern, Unternehmer, Händler, sie alle haben seit jeher ihre Lobbyisten und mischen in der Politik mit. Doch was tun wir Verbraucher – außer die Waren und Güter zu verbrauchen, die andere angebaut oder produziert haben? „Verbraucher“, schon das Wort ist eine Beleidigung. Wen wundert es da, dass auch der Verbraucherschutz lange Zeit keine Rolle in der Politik gespielt hat. Doch dann kam die BSE-Krise und mit ihr das neue Verbraucherschutzministerium.

Zumindest das Verbraucherschutzministerium soll bleiben, hat jetzt Angela Merkel entschieden und damit Überlegungen über eine Zerschlagung des Ressorts auch aus ihrer eigenen Fraktion zurückgewiesen. Doch was soll das Ministerium künftig tun? Konzentriert sich der Verbraucherschutz unter einer Kanzlerin Merkel wieder auf Kaffeefahrten und Lamadecken? Erste Gedankenspiele aus dem schwarz-gelben Lager deuten in diese Richtung. Da kann Deutschlands oberste Verbraucherschützerin Edda Müller, die am Montag ihre Wahlprüfsteine vorgelegt hat, noch so sehr für einen modernen Verbraucherschutz werben. Dass dieser auch der Wirtschaft gut tut, in dem er Nachfrage schafft, ist ein Argument, das bei Schwarz-Gelb nicht zieht.

Leider zu Recht. Obwohl jeder Wähler auch Verbraucher ist, lässt sich mit dem Verbraucherschutz keine Wahl gewinnen. Ob Häuslebauer, deren Baufirma Konkurs geht, gut geschützt sind, interessiert zwar die Bauherren – dem Rest der Verbraucherrepublik ist das ziemlich egal. Und dass das Versicherungsrecht kundenfreundlicher werden soll, geht zwar wirklich jeden etwas an, dennoch dürfte das Thema kaum wahlentscheidend sein. Auch mit dem Produktsicherheitsgesetz und der Riester-Rente lockt man keinen Wähler in die Stimmlokale.

Jobs, Jobs, Jobs – darum geht es im Wahlkampf. Dass wir Verbraucher an der Misere mitschuldig sind, blenden wir dabei allzu gern aus. Vielleicht hätten wir manche Produktionsstätte im Inland retten können, wenn wir bereit gewesen wären, für einen CD-Player 50 Euro mehr auszugeben. Doch die meisten Verbraucher wollen gar nicht wissen, wo ihr Fernseher herkommt oder wie das Huhn gelebt hat, bevor es sich in Chicken Wings verwandelt hat. Das ist verständlich, weil angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheit jeder versucht, sein Geld zusammenzuhalten. Wenn aber eine Mehrheit der Menschen nur nach dem Preis kauft, haben es teure Produkte „made in Germany“ schwer.

Das ändert sich schlagartig, wenn sich die Risiken der Massenproduktion zeigen. Kaum glauben wir, dass es uns an den Kragen geht, verweigern wir uns kollektiv. Die Angst vor BSE hat nicht nur das Verbraucherministerium, sondern überall in Deutschland Straußenfarmen entstehen lassen und Krokodilfleisch in deutsche Pfannen gezaubert. Heute schmoren dort wieder Rouladen aus Massentierhaltung. Mit der Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Produkt, für oder gegen einen bestimmten Anbieter, könnten wir Konsumenten Einfluss auf das nehmen, was uns vorgesetzt wird. Verbraucher können mehr als nur verbrauchen. Schade, dass sie es allzu oft nicht tun.

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