Meinung : Es spricht das Volk

Warum es nicht schlimm ist, wenn Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien wird

Malte Lehming

Das Wort „Populist" hat in Deutschland einen schalen Beigeschmack. Es steht für Demagogie, Vereinfachung, Substanzlosigkeit. Ein Populist erringt billige Siege. Sein Erfolg beruht auf der Verführbarkeit der Masse. Das Misstrauen gegenüber Politikern, die rhetorisch raffiniert die Gefühlswelt vieler Menschen erreichen, hat historische Gründe. Seit Adolf Hitler sind den Deutschen dröge Parteikarrieristen in verantwortlichen Positionen lieber als wortgewandte, schillernde Charaktere.

Amerikaner haben ein anderes Verhältnis zu Populisten. Auch das hat mit Geschichte zu tun. In Ländern mit revolutionärer Tradition gelten Charisma und Redekunst als Tugenden, vor denen niemand Angst haben muss. Das letzte Wort hat ohnehin das Volk. Das erklärt, warum Meinungsumfragen in den USA so wichtig sind. Das erklärt ebenfalls, warum jeder Präsident an seinen Reden gemessen wird. Trifft er die Stimmung im Land, oder käut er lediglich politseminaristische Prosa wider?

Derzeit glänzen gleich drei Populisten auf Amerikas politischer Bühne. Alle drei sind als krasse Außenseiter gestartet. Alle drei treten als Rebellen gegen das Establishment auf. Der eine ist Arzt von Beruf, der andere General, der dritte Schauspieler. Der Demokrat Howard Dean präsentiert sich als der einzige in seiner Partei, der wirklich die Politik von George W. Bush ablehnt. Er hat es geschafft, jenem tief sitzenden Groll der linken Basis auf die gegenwärtige Administration öffentlich Gehör zu verschaffen. Seine Anhänger sind elektrisiert. Mit Dean scheint es endlich wieder eine Opposition zu geben. Wo der ehemalige Gouverneur des kleinen Bundesstaates Vermont auftritt, glühen die Herzen aller Bush-Verächter.

Wesley Clark ist ein Seiteneinsteiger. Drei Jahrzehnte lang hat er in der Armee gedient, zuletzt als Oberbefehlshaber der Nato. Im Frühjahr 2001 hat er noch Loblieder auf die Bush-Regierung gesungen. Vor einigen Monaten hat er entdeckt, Demokrat zu sein. Clark ist klug und eloquent. Im Unterschied zu Dean hat er das Image, Bush tatsächlich schlagen zu können, weil ihm trotz seiner Ablehnung des Irak-Krieges keiner vorwerfen kann, ein Weichling zu sein. In fast allen Umfragen führen Dean und Clark das Feld der demokratischen Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur an. Ihre Unerfahrenheit in nationaler Politik schadet ihnen nicht. Im Gegenteil: Viele werten dies eher als ein Plus. Zumindest haben sie sich dadurch ihre Hände nicht schmutzig gemacht.

Arnold Schwarzenegger profitiert von ähnlichen Emotionen. Auch er ist ein Polit-Neuling, auch er weicht inhaltlichen Fragen aus, auch er tritt in radikaler Pose, aber mit moderaten Ansichten auf. Kalifornien, Amerikas bevölkerungsreichster Bundesstaat, ist fest in der Hand der Demokraten. Die haben ein gigantisches Defizit zu verantworten. Die Saubermann- und Aufräumer-Rolle ist Schwarzenegger wie auf den Leib geschrieben. Womit wollen die Demokraten ihn packen? Mit seinen Sex-Geschichten? Da hallt es höhnisch „Lewinsky" zurück. Mit seiner Unerfahrenheit? Siehe Clark! Mit widersprüchlichen Äußerungen zu politischen Themen? Auch das hat er mit Dean und Clark gemeinsam.

Sollte Schwarzenegger am Dienstag Gouverneur werden, brauchen die Demokraten aber nicht zu verzweifeln. Denn das hieße, dass sich in einem Jahr auch ein Dean oder Clark gegen Bush durchsetzen kann.

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