Eskalation in Korea : Ein Fall für China

Nordkorea macht die Hoffnungen auf eine Welt ohne Atomwaffen und ein Ende des iranischen Atomprogramms durch Verhandlungen zu naiver Träumerei. Dabei ist das, was Nordkorea heute vorführt, morgen im Iran möglich.

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Was für ein Scherbenhaufen! Nordkorea macht die Hoffnungen auf eine Welt ohne Atomwaffen und ein Ende des iranischen Atomprogramms durch Verhandlungen zu naiver Träumerei – jedenfalls für den Moment. Wenn ein Staat, der nach landläufiger Meinung entwicklungsgeschichtlich im Mittelalter stecken geblieben ist, die Welt so überraschen kann, muss man auch den Albtraum Israels ernst nehmen: Was Nordkorea heute vorführt, ist morgen im Iran möglich. Sanktionen haben nicht verhindert, dass Pjöngjang in nur 18 Monaten eine hochmoderne Anlage zur Urananreicherung aufbaute und zum Laufen brachte. Als der Diktator die Inspekteure im April 2009 des Landes verwies, gab es die Fabrik noch nicht. Sie ist allen Aufklärungsversuchen per Satellit oder Spionage verborgen geblieben. Unbemerkt blieb auch die Lieferung der Zentrifugen neuester Bauart; mit ihnen lässt sich bombenfähiges Uran produzieren.

Nordkorea bestimmte den Zeitpunkt der Aufdeckung – indem es amerikanische Atomwissenschaftler zur Besichtigung der Todesfabrik einlud, von deren Existenz die Außenwelt bis dahin nichts wusste. Nun folgten die Schüsse auf südkoreanische Truppen. Erst die Verhöhnung der Außenwelt, dann das militärische Auftrumpfen und bald ein Krieg?

Es verspricht wenig Ertrag, mit westlichen Augen über Motive und Ziele des Regimes in Pjöngjang zu spekulieren. Selbst südkoreanische und japanische Experten rätseln, obwohl sie den Vorteil kultureller Nähe haben. Nur so viel scheint klar: Aus dem Land wird die Wende nicht kommen, jedenfalls nicht in Gestalt eines Volksaufstands, trotz der vielen Toten durch Hunger und Not. Nordkorea hat nie andere Regierungsmodelle als absolutistische Herrschaft in einer Art Erbmonarchie erlebt. Wegen der verordneten Isolierung wissen die Bewohner nicht einmal genau, dass es eine Außenwelt gibt, wo es sich freier lebt.

Der Westen hat einen einzigen Ansatzpunkt: China. Nordkorea ist in hohem Maß auf Peking, seine Wirtschaftshilfe und Energielieferungen angewiesen. Freilich ist das kein Befehlsverhältnis, sondern eine gegenseitige Abhängigkeit. Nordkorea ist Chinas Pufferstaat zur westlich dominierten Welt, die in Peking als Rivale und potenzieller Gegner empfunden wird. Da enden alle Hoffnungen auf Parallelen zum Sturz kommunistischer Diktaturen à la 1989. Moskau konnte die DDR, Polen, Ungarn und sogar das Baltikum entgleiten lassen, wenn auch widerwillig; da blieben immer noch Weißrussland und die Ukraine. Peking kann Nordkorea nicht fallen lassen. Moskau hatte damals die Schwindsucht. China ist eine Weltmacht im kraftvollen Aufstieg. Nicht einmal ein zur Neutralität verpflichtetes vereintes Korea ist für Peking eine akzeptable Alternative. Nordkorea kennt seinen Wert und nutzt ihn bis jenseits der Grenzen des Erträglichen. Soweit man hört, sind die Machthaber in Peking zornig, wie die Kims in Pjöngjang sie vorführen. Wer das Problem eines aggressiven Nordkoreas an der Schwelle zur Atommacht lösen möchte, muss Ideen entwickeln, die es für China erträglich machen, das Regime aufzugeben.

Aber auch die Bundesregierung und andere europäische Mittelmächte können einiges tun, um die aktuelle Kriegsgefahr zu entschärfen – und zu verhindern, dass sich eine ähnliche Krise, mit dem Iran im Zentrum, in den nächsten Jahren wiederholt. Erstens klare Worte der Verurteilung Nordkoreas und der Solidarität mit Südkorea und Japan. Zweitens wäre es geboten, die gewonnenen Kontakte in China zu nutzen und Peking an seine Schlüsselrolle gegenüber Nordkorea und seine Mitverantwortung für das Regime dort zu erinnern. Bisher möchte China den Nutzen seiner Weltmachtrolle genießen, aber die Last und Verantwortung zur Krisenlösung umgehen. Drittens sollte die Kanzlerin Farbe bekennen, welche US-Politik sie sich wünscht. Präsident Obama schwächelt. Wenn sie ihn nicht scheitern sehen will, sollte sie ihn offen unterstützen. Das Eintreten für eine rasche Ratifizierung des Start-Abrüstungsvertrags war ein Anfang. Auch gegenüber Nordkorea und China liegt der sichtbare Schulterschluss mit den USA im deutschen Eigeninteresse.

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