Essay : Auch wer betet, kann ein guter Demokrat sein

Antimodern, illoyal, ferngesteuert, subversiv, gewalttätig: Auf Muslime in Deutschland prasseln diverse Vorurteile nieder. Claudia Keller schaut in ihrem Essay genauer hin.

Claudia Keller
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Illustration: Klaus Stuttmann

"Muslime wissen nicht, was Freiheit ist. Das Einzige, was sie verstehen, ist Gewalt."

(Francois Chateaubriand, 1810)

„Die Religion dominiert alles im Leben der Muslime. Deshalb fehlt ihnen ein Gespür für Gesetz und Ordnung.“
(Duncan Macdonald, 1918)

„Das europäische Modell der Persönlichkeitsentwicklung gibt es in der muslimischen Kultur nicht. Söhne und Töchter lernen Macht nicht als argumentative Überlegenheit kennen, sondern als dumpfe Gewalt.“
(Necla Kelek, 2006)

Die Zitate stammen aus unterschiedlichen Zeiten, die Botschaft ist gleich: Wer an Allah glaubt, tickt nicht richtig. Schon in den 1970er Jahren hat der arabischstämmige amerikanische Literaturwissenschaftler Edward W. Said nachgewiesen, dass die Europäer in den immer gleichen Klischees denken, wenn es um Muslime geht. Der Europäer ist in diesem Denken der Fortschrittliche, er ist human, diszipliniert und ein bisschen langweilig. Der Muslim, der „Orientale“, ist zurückgeblieben und irrational. Er ist gewalttätig und unterdrückt seine Frau. Das Einzige, was er zustande bringt, und das in bedrohlicher Menge, sind Kinder.

Bis heute prägen die alten Denkmuster das Verhältnis zu den Muslimen und verhindern, dass die Einwanderungsdebatte vorankommt. Die Hälfte der Deutschen ist überzeugt, dass Moscheegänger keine loyalen deutschen Staatsbürger sein können, weil sie unberechenbar sind. Wer als Muslim dennoch behauptet, der Islam sei mit Demokratie zu vereinbaren, dem wird vorgeworfen, er spreche mit „doppelter Zunge“ und wolle den Westen täuschen. Und wenn ein 16-jähriger Deutsch-Türke in Berlin das Recht für sich erstreitet, in einer Schule ungestört beten zu dürfen, sehen einige Kommentatoren die Integrationsarbeit gefährdet, andere gar das Abendland in Gefahr. Gerne wird auch Kopftuchträgerinnen unterstellt, sie seien eine aus Saudi-Arabien ferngesteuerte Masse, um Deutschland zu „unterwandern“. Denn wer ein Kopftuch trägt, zeige, dass er keinen eigenen Willen hat.

Die Berliner Juristin Seyran Ates hatte erklärt, dass sie am vergangenen Sonntag auf keinen Fall die Grünen wählen werde, weil man in deren Reihen „den meisten Kopftuchträgerinnen und Verteidigerinnen des Kopftuchs begegnet“. Denn auch für Ates ist das Kopftuch ein klares Zeichen von Unterdrückung. Wer so was duldet, arbeitet den Unterdrückern in die Hände. Dass Frauen aus eigener Entscheidung das Tuch umlegen, hält die Frauenrechtlerin nicht für möglich. Damit steht sie in bester Tradition der politischen Linken, die die vermeintlich rückständigen Muslime in leiser kolonialer Weise zum besseren, fortschrittlichen Menschen erziehen wollen.

In den 70er Jahren ließ es sich mit den kemalistisch-linken Einwanderern aus der Türkei noch gut Raki trinken und Revolution planen. Die Einwanderer erlösten einen mit Bauchtanz von der deutschen Piefigkeit. Für Folklorezwecke durfte sich die Muslimin auch gerne einen Schleier überziehen.

Nun aber, da immer mehr aus religiösen Gründen das Kopftuch umbinden, ist Schluss mit lustig. „Multikulti“ war in, „multireli“ ist out. Fortschrittlich ist, wer den Glauben an Gott für dummes Zeug hält. Religiosität ist für Linke etwas heillos Vorgestriges, die enge Bindung vieler Einwanderer an ihre Familien nichts als Zwang. Dass sich der erträumte Multikulti-Türke als frommer Bartträger entpuppt, der nicht zum Christopher-Street-Day geht, ist eine herbe Enttäuschung.

Ins Weltbild linker Feministinnen passt auch nicht, dass manche Türkin lieber im Ganzkörperanzug schwimmt, statt sich oben ohne zu sonnen. Der Islam bedroht die 1968 auch gegen die Kirchen mühsam erkämpften Errungenschaften: die Freiheit, das Leben selber zu gestalten, die Entzauberung der Autoritäten, die Befreiung der Frau aus den alten Zwängen und der Homosexuellen aus der Strafbarkeit ihrer Liebe.

Die gefühlte Bedrohung ist gleichwohl mehr Reflex auf die eigene Geschichte als das Ergebnis genauen Hinschauens. Wie und warum der andere anders ist, warum die einen Kopftuch tragen und die anderen nicht, das interessiert nicht wirklich. Die Linken haben sich von den Muslimen und Musliminnen abgewandt – und von den Mühen der Integration. Nach der letzten Wahl war der SPD die Drogenbeauftragte wichtiger. Die Integrationsbeauftragte hat man der CDU überlassen.

Aber auch für Konservative ist das Verhältnis zu Muslimen geprägt von den alten Klischees und der eigenen Geschichte. Die Moscheegänger und Kopftuchträgerinnen erinnern an das, was man verloren hat, an die Sicherheit des Lebens und der Lebenswege. Und sie machen den Werterelativismus umso bewusster, in den sich Konservative heute geworfen sehen. Auch Eifersucht schwingt mit: Die Muslime haben das, was uns die Linken kaputtgemacht haben.

Dass viele Muslime Wert auf Familie und Ehe legen, gefällt vielen Konservativen. Auch dass Muslime viel beten und an die Kraft des Übernatürlichen glauben, ist dem CDU-Wähler nicht ganz fremd. Gleichzeitig sieht er aber das Abendland in Gefahr. Irgendwie steht der Türke immer noch vor Wien. Konservative Kirchgänger sind davon überzeugt, dass das Christentum die wahre und bessere Religion ist. Der Islam aber ist kämpferischer, aggressiver, steht fester im Glauben. Und die Muslime bekommen die Kinder, die die Christen nicht mehr bekommen. Das nährt die Angst, sozusagen niedergekindert zu werden, die Sorge, nicht mehr Mehrheit zu sein. Um Ansprüche von muslimischer Seite abzuwehren, geben sich sogar CDU und CSU feministisch und widmen der Rettung der muslimischen Frau aus „Notsituationen“ im neuen Regierungsprogramm ein eigenes Kapitel. Plötzlich sind die Konservativen auch homophil und machen die bedingungslose Akzeptanz von Homosexualität zur Voraussetzung für die Einbürgerung. Nach diesem Maßstab müsste der pietistische Hochlandschwabe draußen bleiben.

Klischees kann man nicht verhindern. Klischees können sogar helfen, weil man sich nicht jeden Tag das Leben neu erfinden kann. Aber sie können auch lebensbedrohlich werden, wie die Ermordung der jungen Kopftuch tragenden Ägypterin im Dresdner Gerichtssaal vor zwei Monaten gezeigt hat. Deshalb ist es Zeit, endlich genau hinzuschauen und Muslime so zu sehen, wie sie wirklich sind. Dazu lohnt ein Blick auf eine Studie des renommierten Gallup-Instituts in Washington. Die Meinungsforscher haben 2008 nicht nur viele tausend Muslime in Deutschland, Frankreich und Großbritannien nach ihrer Einstellung zu Demokratie, Religion und wirtschaftlicher Situation befragt, sondern auch die nichtmuslimische Bevölkerungsmehrheit. Es ist die erste groß angelegte vergleichende Studie über die europäischen Muslime. Man kann ihr glauben.

Demnach sind viele der rund vier Millionen Muslime in Deutschland konservativ, viele sogar richtig spießig. Für 82 Prozent ist die Religion wichtig im täglichen Leben, 36 Prozent bezeichnen sich als „stark gläubig“. Die Gläubigen sind gegen die Homo-Ehe, gegen Abtreibung, und auch die Scheidung ist in vielen Lebensplänen nicht vorgesehen. Aber auch das ist die Realität: Muslime sind treue Staatsbürger, sie sind sogar treuer als der Rest. Die überwiegende Mehrheit der Muslime vertraut der deutschen Justiz und der Regierung und glaubt, dass es bei den Wahlen ehrlich zugeht.

Bei den nichtmuslimischen Deutschen hingegen überwiegen hier die Zweifel. Nicht mal die Hälfte glaubt an den ehrlichen Wahlausgang und an die Justiz, nur ein Drittel traut der Regierung etwas zu. Die deutschen Muslime lehnen im übrigen Gewalt im gleichen Maße ab wie Christen, Buddhisten oder Atheisten. Die Befürchtung, in jedem frommen Bartträger stecke ein Terrorist, ist ein Hirngespinst.

Die Gallup-Studie zeigt: Wer betet, kann ein guter Demokrat sein. Religiosität, auch die der Moscheegänger und Kopftuchträgerinnen, könnte sogar ein Gewinn für die Demokratie sein. Ist das nicht ein Schatz, der sich gerade für konservative Politiker zu heben lohnt? Die Entwicklungen in der Gen- und Biotechnologie machen den Anfang und das Ende des Lebens verfügbar und planbar. Das verunsichert. Die ethischen Maßstäbe der Religionen können Orientierung bieten. Sie können säkulare Gesellschaften vor ihren selbstzerstörerischen Kräften bewahren, indem sie technischer Machbarkeit mit menschlichem Augenmaß begegnen. Sie fangen Kranke und Verzweifelte auf, bringen Junge und Alte zusammen und zeigen, dass es im Leben mehr gibt als Leistungszwang und Perfektionsdruck.

Der Philosoph Jürgen Habermas hat in diesem Zusammenhang den Begriff von der „postsäkularen Gesellschaft“ geprägt, in der Religionen eine neue, der heutigen Moderne angemessene Rolle spielen. Für die CDU, aber auch für die Wertkonservativen bei den Grünen, könnte es ein Alleinstellungsmerkmal sein, sich beherzt für Christen, Muslime und Juden einzusetzen und ein religiös-ethisches Gespür für sie zu entwickeln. Es geht nicht darum, den frommen Muslimen „nachzugeben“, die Säkularisierung zurückzudrehen oder die Trennung von Staat und Religion aufzuheben.

Es sollen auch nicht Probleme kleingeredet werden – die in der muslimischen Gemeinschaft nicht und auch nicht die der christlichen Fundamentalisten. Es gibt Zwangsehen, Ehrenmorde und auch Hassprediger. Aber das sind die Ausnahmen. Sie dürfen nicht geduldet werden, keine Frage. Aber Aufgabe gerade konservativer Politik wäre es, trotzdem deutlich zu machen, dass man Religion nicht mit antimodernem Fundamentalismus gleichsetzen kann.

Die Islamkonferenz der CDU war ein Anfang, um mit muslimischen Verbänden ins Gespräch zu kommen. Aber es ging vor allem um Sicherheitsfragen. Die nächste Regierung sollte Muslime nicht nur als Risikofaktoren ernst nehmen. Es ist Zeit, dass Politiker und Verfassungsrechtler Wege suchen, um den Islam in das Staats-Kirchen-Recht zu integrieren. Es ist auch Zeit, dass flächendeckend islamischer Religionsunterricht an den Schulen angeboten wird und nicht ein Wildwuchs von Modellversuchen. Auch die Ausbildung von islamischen Theologen an den Universitäten ist überfällig. Indem man sie konsequent einbindet, fordert und fördert, lassen sich Religionen am besten modernisieren. Das zeigt die Geschichte der katholischen Kirche.

Das Leben in einer postsäkularen, multireligiösen Gesellschaft ist eine Zumutung. Es verlangt von allen Seiten Einschränkungen. Die Gottesfürchtigen müssen ihren Glauben an die Prämissen des liberalen Verfassungsstaates anpassen und die Autorität der Wissenschaften anerkennen. Sie müssen akzeptieren, dass Homosexuelle heiraten und Frauen in Miniröcken die gleichen Rechte haben. Die nichtreligiösen Bürger müssen damit leben, dass Religion nicht mehr nur Privatsache ist.

„Die Grenze zwischen säkularen und religiösen Gründen ist fließend“, schreibt Habermas. „Deshalb sollte die Festlegung dieser umstrittenen Grenze als eine kooperative Aufgabe verstanden werden, die von beiden Seiten fordert, auch die Perspektive der jeweils anderen einzunehmen.“ Dass das geht, zeigen die USA. Die Kalifornier wählen seit Jahren mehrheitlich links. Und doch ist Kalifornien ein äußerst wertkonservativer Landstrich, geprägt durch die katholischen Einwanderer aus Lateinamerika. Es wird ständig darum gerungen, ob sich linke oder konservative Ansprüche durchsetzen, religiöse oder säkulare. Das ist anstrengend, hält aber die Demokratie wach. Diese Spannung auszuhalten, ist einfacher, wenn nicht immer die Unterschiede im Vordergrund stehen.

„Solange unsere Beziehungen von unseren Unterschieden definiert sind, werden wir diejenigen stärken, die eher Hass als Frieden verbreiten.“ Daran hat Barack Obama in seiner Rede an die muslimische Welt in der Universität in Kairo erinnert. „Wir alle teilen diese Welt nur für einen kurzen Augenblick. Die Frage ist, ob wir uns in dieser Zeit auf das konzentrieren, was uns auseinandertreibt, oder ob wir uns verpflichten, Gemeinsamkeiten zu finden, uns auf die Zukunft zu konzentrieren, die wir für unsere Kinder wollen.“ Was Obama im Weltpolitischen versucht, sollte uns im eigenen Land alle Mühe wert sein.

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