Ethik : Helden wie – wir

Menschen, die zur Not ihr Leben riskieren, sind uns suspekt. Wie reifen Individuen heran, die fürs große Ganze alles geben?

Thomas Lackmann

Ein texanischer Selbstmordattentäter, ein irrer Luftwaffenheld mit Cowboyhut, reitet auf seiner dem Ziel entgegenplumpsenden Atombombe in die Kettenkatastrophe. Atompilze leuchten auf, von Kontinent zu Kontinent. Dazu singt Vera Lynn den Durchhalteschlager „We’ll meet again“; der Song gehörte während des Kalten Kriegs zu einem kulturellen Überlebenspaket, das der „Wartime Broadcasting Service“ für den Fall eines Nuklearangriffs bunkerte. Als ich dieses bizarre Film-Finale von „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ Anfang der 70er Jahre erstmals sah, erregte die schwarze Satire in der übrigen Pantoffelkinofamilie angewidertes Unverständnis. Ich selbst identifizierte mich dagegen mit Stanley Kubricks sarkastischem Pazifismus, fühlte mich moralisch-politisch auf der richtigen Seite: Heldentum von Staats wegen? Ist pervers.

In den vergangenen Wochen zwischen Weltkriegsgedenken und Volkstrauertag (früher: Heldengedenktag) kam zufällig, neben der Rückkehr einer Atomkriegsoption (Iran) und dem kurzen Diskurs über S-Bahn-Heldentum, auch der Song von Vera Lynn neu ins Gespräch.

Eigentlich lässt der nukleare Krieg als der monströs-unvorstellbarste, der abstrakte Krieg schlechthin unserer Vorstellung für Heldenszenarien keinen Raum. Den sogenannten gerechten Krieg wiederum, der am ehesten geeignet schiene als Schauplatz „echten“ Militär-Heldentums, gab es für deutsche Friedensbewegte nach 1945 nicht. Zur pazifistischen Sozialisierung in der Bundesrepublik gehörten einander widersprechende Positionen, die sich zwiespältig überlagern konnten: von der weltfremden „Totalverweigerung“ zur idealistisch-weltordnenden Auschwitz-Kosovo-Projektion; von der pragmatischen Einsicht, dass selbst beim Hobeln der Bundeswehr Späne fallen, weil Krieg Krieg ist, bis zum hilflosen Eingeständnis, dass man trotz aller globalbürgerlichen Verantwortung das eigene Fleisch und Blut nie für Afghanistan opfern wollen würde.

Militärische Einsätze mit Heldentum oder gar mit „Gutmenschentum“ zu assoziieren, haben Europas Kinder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht gelernt. Obwohl es seit September in Berlin für tote Bundeswehrsoldaten ein Ehrenmal gibt: Heldentum in Konformität mit dem Apparat, als Produkt eines kommandierten Waffenganges, passt mit Political Correctness schwer zusammen.

„Stille Helden“ nennt sich seit Oktober 2008 eine Berliner Ausstellung in der Rosenthaler Straße, die an unspektakulären Widerstand in der NS-Zeit erinnert. Der Individualheld, herausragend im Mut gegen die Autorität des Systems, scheint heute am ehesten vorstellbar. Dass Helden in der Neuzeit vorzugsweise als (ironisch) gebrochene Figuren vorkommen, hat gerade ein „Merkur“-Heft zum Thema recherchiert. „wer bin ich, daß ich sagen könnte: eine heroische tat“ lautete die umstrittene, dann pietätvoll entfernte Schrift an dem Denkmal zur Würdigung des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 vor dem Finanzministerium: Eine geätzte Fotografie am Boden eines Beckens reproduziert Momente der Rebellion, Demonstranten, zur Unschärfe vergrößert.

Die geläufige Distanz zum anachronistischen, zum missbrauchten Heldentum resultiert aus der Ablehnung totalitärer Vereinnahmung: welche man nicht persönlich erfahren haben muss, um dagegen zu sein. Die man aber verwechseln kann: mit der Belastung durch Pflichten und Regeln. Dass ein Gemeinwesen nur funktioniert, wenn seine Teilnehmer etwas dafür einsetzen, wird zwar prinzipiell akzeptiert. Sobald etwas freilich nicht mehr reicht, sobald Menschen, die sich selbst einsetzen würden, dem Kollektiv dramatisch fehlen, wird die Helden- zur Gretchenfrage.

Wer würde überhaupt alles auf eine Karte setzen – und wofür? Der Historiker Ranke hat uns erklärt, dass die „glücklichsten Zeiten der Menschheit die leeren Blätter im Buch der Geschichte“ sind; von Brecht wissen wir, dass ein Land unglücklich ist, wenn es „Helden nötig hat“. Wie produziert eine Gesellschaft, der Heldentum suspekt ist, Persönlichkeiten, die im Ernstfall alles geben?

Am Rande der jüngsten Gedenkfeiern zum letzten Weltkriegsbeginn vor 70 Jahren hat auf den britischen Inseln das so nie da gewesene Comeback einer uralten Künstlerin überrascht. Vera Lynns Album „We’ll meet again“ stürmte die Charts, überholte remasterte Beatles-Alben, wurde Nummer Eins und hält sich jetzt seit zehn Wochen unter den Top Twenty. Dieser Erfolg einer 92-Jährigen wäre vor dem Hintergrund britischer Traditionsnostalgie fast zu verstehen. Deutsche, die mit der Muttermilch Traditionsvergiftung aufgenommen haben, verblüfft allerdings der Inhalt dieser „Wiedersehensvertröstung“ für den Unbekannten Soldaten und seine Lieben. Vera Lynns Song, gedichtet und komponiert von dem erfolgreichen Duo Ross Parker & Hughie Charles („There’ll Always Be An England“), stimmt die Nation mit Schlagerpoesie auf Schulterschluss ein, auf pflichtbewussten Kampf gegen den Untergang der Zivilisation.

Wann und wo „wir“ uns wiedersehen, bleibt in diesem Hit offen. Tränentreibende Blue Notes stimulieren Schmerz, Ungewissheit, einen sentimentalen Sog: „We’ll meet again, don’t know where, don’t know when, but I know we’ll meet again, some sunny day. Keep smiling through, just like you always do, ’til the blue skies drive the dark clouds far away. So will you please say hello to the folks that I know, tell them I won’t be long. They’ll be happy to know that as you saw me go, I was singing this song …“

Ein Publikumschor wiederholt den Refrain. Das Gemeinschaftsgefühl, wie es der melodiöse Schmachtfetzen für Radiohörer und bei Frontkonzerten rüberbrachte, suggeriert die teilhabende „Erfahrung“, für eine unzweideutig positive Sache gemeinsam Grenzen zur ungewissen Zukunft zu überschreiten – Transzendenz also! Und corporate identity.

Dennoch hatte schon 2006 eine Schlacht um die Deutungshoheit für dieses Lied aus uralten Zeiten begonnen, im Internet. Damals wurde „We’ll meet again“, unterlegt mit Atompilzen aus Kubricks „Dr. Seltsam“-Finale, als Minifilm auf Youtube gestellt und bisher über 100 000 Mal heruntergeladen. 2007 schlugen die Patrioten zurück: Seitdem singt Vera Lynn zu Schwarzweißfotos ausrückender, kämpfender, heimkehrender alliierter Soldaten ebenfalls auf Youtube.

Wer dieses Video anklickt, wird von aufflackernden Kommentaren empfangen: „Gratulation zum Comeback in die Charts mit 92 Jahren! Danke dafür, dass Sie geholfen haben, dieses Video über 600 000 Mal aufzurufen!“ Und: „Es macht uns krank und müde, Kommentare über die (rechtsextreme) BNP-Politik aus Anlass dieses Videos zu hören; lassen Sie Ihren politischen Ansichten bei einem anderen Video Lauf, freuen Sie sich an dem, was es ist: ein schönes Lied und ein Video, das an jene erinnert, die ihr Leben gaben, um für ihre Länder zu kämpfen.“

Die Abwehr aktueller Assoziationen – dazu gehören mehr als 230 am Hindukusch umgekommene britische Soldaten – klingt zwischen den Zeilen durch. In der Diskussion mischt sich Politisches mit Persönlichem: „Es macht mich stolz, englisch zu sein, und wütend, dass unser Land voll von faulen Scheiß-Ausländern ist, dass unsere Vorväter kämpften und starben, um England englisch zu bewahren …“ – „Wenn du Dr. Seltsam gesehen hast, müsstest du dich an dieses Lied erinnern. Wenn ich es höre, denke ich an meinen Dad, der die Schlacht am Bulge gekämpft hat und zu jung gestorben ist. Wir treffen uns eines sonnigen Tages wieder …“ – „Wenn ich dieses Lied höre, denke ich auch an meinen Dad. Er hat auch da drüben gekämpft im letzten wirklichen Krieg. Aber er war glücklich genug, es nach Hause zu schaffen.“ – „Dad schaffte es nach Hause, aber er wurde ein gebrochener Mann. Er stand am Maschinengewehr, kämpfte gegen die Nazis, befreite die Todeslager – den ganzen Weg runter bis zur Tschechoslowakei. Er starb mit 46. Er war ein Held wie dein Vater.“ Für aktuelle Waffengänge indes lässt sich jenes „Wir sind auf der richtigen Seite der Geschichte“-Gefühl, das alte Fotos – kombiniert mit dem Gesang von 1939 – vermitteln, nicht leicht reproduzieren.

Zum kontinentalen Vergleich: Deutsche Disputanten eines Youtube-Videos, das „Lili Marleen“ mit Wehrmachts- und SS-Fotos unterlegt, vergraben sich vor allem in (anti-)revanchistischer Argumentation. Hier bleibt den Nachgeborenen die Möglichkeit ungebrochener Identifizierung verbaut. Immerhin wird Nachkommen auf der falschen Seite der Geschichte gefühlter Heroismus zur virtuell-ironischen Anverwandlung offeriert, in Traumfabrik-Szenarien wie „Casablanca“ oder dem Abenteuer-Cartoon „Inglourious Basterds“: als Teilnahme an einem Kampf, in dem Gut und Böse klar zu fixieren sind. Gleichwohl produziert retrospektiver Trittbrett-Heroismus mit Happy-End-(oder Sinn-)Garantie noch keinen Mut zur individuellen Selbstüberschreitung.

Reifen Individuen, die notfalls „fürs große Ganze“ alles einsetzen würden, eher in einer traditionsbewussten Gesellschaft als in einer traditionsverkorksten? Der Afghanistan-Krieg als „gerechter“ oder „ungerechter“ Krieg ist bei den Erben des Empire – aufgrund mangelnder Effektivität oder unkalkulierbarer Opfer – so unpopulär wie im Nachfolgestaat des „Dritten Reiches“.

Parallellen könnten sich hier auch bei der Verbreitung von Zivilcourage aufdrängen. Nach einer von der Deutschen Welle zitierten Untersuchung bilden Englands Erwachsene, wenn junge Gewalttäter gestoppt werden müssten, das Schlusslicht in Europa. In der deutschen Öffentlichkeit wiederum artikulierte sich jüngst, als ein 50-jähriger Münchner S-Bahn-Fahrgast seine Verteidigung bedrohter Kinder mit dem Leben bezahlte, auch mäkelige Kritik am Alleingang dieses Bürgers; bis dann mit der staatstragenden Erhöhung des Ermordeten in Bayerns Ordens-Walhalla weitere Fragen weggewischt wurden.

Es ist politisch nicht en vogue, Zusammenhänge zu vermuten zwischen der Haltung jenes Mannes, der sich bei der Rettung anderer vor den Augen vieler Zuschauer hatte tottreten lassen müssen, und dem von der Bevölkerungsmehrheit abgelehnten Truppenengagement im Vorderen Orient, bei dem bereits 47 Deutsche ihr Leben verloren: das der humanen Entwicklung einer fernen muslimischen Stammesgesellschaft dienen soll, ihrem Schutz vor Terror sowie der abendländischen Sicherheit. Solchen gewagten Vergleichen halten andere Zeitgenossen entgegen: Alltagscourage sei keinesfalls gleichzusetzen mit einem letztlich von Machtinteressen bestimmten Militäreinsatz.

Gegen die Selbstverausgabung des Individuums spricht der Selbsterhaltungstrieb. Heldentum ist eine subjektive Kategorie; für den, der die Grenze überschreitet, bleibt der Unterschied zwischen Alltagsheroismus und spektakulärer Großtat sekundär. Fast immer sind es Zufallsherausforderungen, die Durchschnittstypen wie Sie oder mich lästigerweise dazu bringen, in ungewöhnlichem Maß über die eigene Nummer sicher hinauszugehen – oder eben nicht. Risiko-Panik und Legitimitätszweifel sind dabei selbst durch perfektes Coaching kaum aufzulösen.

Die Grundausbildung zur Selbstüberschreitung dauert länger als sechs Monate und hat mit der Erwerbung sozialer Kompetenz mehr zu tun als mit Kampfsporttraining. Zur Vorbereitung für den unerwarteten Moment, in dem einer sein Leben einsetzt, gehört das Lernen jener Alltagshöflichkeit und Dienstleistungsgesinnung, die der zunehmend ruppigen Gesellschaft zurzeit von Effektivitätsfetischisten weggespart wird, Motto: Verbrannte Erde oder Nach mir die Sintflut. Im Gegensatz dazu stehen Transzendenz und corporate identity – für das, was auf Ökologisch gern Nachhaltigkeit genannt wird. Man sieht sich (nämlich immer zweimal): We’ll meet again.

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