Meinung : Europa behindert sich selbst

Brüssel tut zu wenig für Menschen mit Behinderungen Von Keyvan Dahesch

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Mit großem Pathos hatten die EU-Staats- und Regierungschefs 2007 zum „Jahr der Chancengleichheit“ proklamiert – vielleicht auch deshalb, weil kaum etwas von den Versprechungen im europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen 2003 verwirklicht wurde. Maßgeblich initiiert hat Österreichs damaliger Bundeskanzler Schüssel während seiner Ratspräsidentschaft diese Proklamation.

Demnach sollen die Hürden bei der beruflichen und gesellschaftlichen Integration der Frauen, Migrantinnen und Migranten sowie der rund 40 Millionen Menschen mit Behinderungen ausgeräumt werden. Für die Einwanderergruppe müssen die Regierungen schon unter dem Druck der Verhältnisse die versäumten Maßnahmen ergreifen, und zwar bald, bevor alle Dämme brechen! Und während sich die Chancen für Frauen durch die Überzeugungskraft und den Druck der größer werdenden Zahl der Politikerinnen in den Parlamenten und Regierungen erfreulicherweise verbessern, tut sich für gehandicapte Menschen in Europa kaum etwas oder nur wenig.

Zitat: „Überall in der Europäischen Union sind Menschen mit Behinderungen mit Hindernissen konfrontiert, nicht nur bei der Stellensuche und dem Erhalt des Arbeitsplatzes, sondern auch bei der Suche nach geeigneten Verkehrsmitteln, dem physischen Zugang zu Gebäuden und Einrichtungen oder dem Zugang zu beruflichen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten (…) Andere Hemmnisse beeinträchtigen die Freiheit der behinderten Bürger Europas, sich innerhalb der Union zu bewegen und in einem anderen Mitgliedstaat ihrer Wahl niederzulassen.“

Das ist kein Klagelied der Selbsthilfeorganisationen. Mit dieser bitteren Bestandsaufnahme hatten die Staats- und Regierungschefs ihren Beschluss zur Proklamation des Europäischen Jahres der Menschen mit Behinderungen 2003 begründet. Doch weil sie zur Verringerung der Schwierigkeiten – wenn überhaupt – nur sehr wenig unternommen haben, wollen sie nun ihr Gewissen und die Betroffenen mit dem ausgerufenen Jahr der Chancengleichheit beruhigen.

Die frühere Sozialkommissarin Anna Diamantopolu hatte im Jahr der Behinderten Forderungen zum Abbau von Barrieren an die EU-Staaten gestellt, die in ihrer Heimat Griechenland nicht realisiert wurden. Hohe Bürgersteige, fehlende Leitstreifen zur Warnung blinder Menschen vor dem Sturz auf Straßenbahngleise, keine kontrastreiche Markierung von Stufen, nicht ausreichende Straßenbeleuchtung für sehbehinderte Menschen und vieles andere mehr. Deshalb wäre beinahe in Athen die Veranstaltung der Paralympics 2004 gescheitert. Sie konnte nur mit großem Einsatz ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer stattfinden.

In Deutschland haben sich blinde Menschen in vielen Berufen bewährt. Im Richteramt haben zwei promovierte Juristen es sogar bis in die obersten Bundesgerichte gebracht. Auch der von Geburt an blinde Autor dieses Textes ist seit 30 Jahren ehrenamtlicher Richter am Sozialgericht in Frankfurt. Uns allen wären diese Tätigkeiten in Österreich wegen „mangelnder körperlicher Eignung versagt geblieben. Daran hat auch der jetzige Kanzler Alfred Gusenbauer kein Jota geändert. So hätte auch der blinde ehemalige britische Minister David Blunkett keine Chance, dort Regierungsmitglied zu werden. Aus demselben Grund wurden in Österreich einer gehörlosen Frau die Ausbildung zur Gebärdensprachlehrerin und einer durch einen Autounfall querschnittsgelähmten Religionslehrerin die Ausbildung zur Sonderschullehrerin verweigert. Anfang 2006 verweigerte ein katholischer Pfarrer dort geistig behinderten Kindern die Kommunion. Seine Begründung: Sie verstünden nicht den Sinn dieser Handlung. Und in der reichen Schweiz lehnte die Bevölkerung bei einer Abstimmung mit großer Mehrheit gleiche Bürgerrechte für Menschen mit Behinderungen ab. Begründung der Gegner: Sie bekämen sonst kein Mitleid.

Behinderte Menschen wollen aber kein Mitleid, sondern Verständnis und gezielte Hilfen, damit sie ihre Chancen in Arbeit, Beruf und Gesellschaft verwirklichen können.

Der Autor ist freier Journalist und lebt in Frankfurt am Main.

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