Meinung : Europa – über Afrika

Mit der Hilfe für die Armen helfen Blair, Chirac und Schröder auch sich selbst

Stephanie Nannen

Die Rettung Afrikas ist eines der größten Projekte, die Europa sich auf seine Agenda schreibt. Und das nicht nur, um hungernden Menschen zu helfen. Zwar sind sich die Herren Regierungschefs noch nicht einig, woher das Geld kommen soll, das Afrika als Entwicklungshilfe benötigt. Aber dass es kommen muss, haben Kanzler Gerhard Schröder, Frankreichs Staatschef Jacques Chirac und der britische Premier Tony Blair in Davos vereinbart. Der Entschluss der G-7-Finanzminister, die armen Länder womöglich zu 100 Prozent zu entschulden, ist schon ein erster Schritt.

Und wozu: Alles nur, weil der enge Freund Chirac und der ehemals sehr enge Freund Blair eine hehre Idee hatten, die auch Deutschland gut anstünde? Deutsche Afrikahilfe, nachdem schon die Fluthilfe für Südasien Sympathiepunkte gebracht hat? Deutschland als Retter – das war gut für die Welt und gut für Schröder. Ist das der Plan? Nein. Das Ziel ist, Afrika und damit die Welt sicherer zu machen. Dazu gehört es, Europa an der Herausforderung Afrika wachsen zu lassen.

Woran lässt sich das ablesen? Großbritannien übernimmt den G-8-Vorsitz in diesem Jahr, Deutschland ist 2007 dran. Blairs Schatzmeister Gordon Brown, einer seiner potenziellen Nachfolger, wirbt schon länger für die Unterstützung Afrikas. Der Kontinent ist als Kernthema des britischen G-8-Vorsitzes lange benannt. Das stärkt England, und für die Zukunft vielleicht Gordon Brown. Ein solches Projekt ist nichts für ein paar Monate. Nachhaltig kann die Hilfe erst werden, wenn sie stetig bleibt. Grund genug für Schröder, sich zu beteiligen. Verbindet sich sein Name mit einer Agenda Afrika, ist das für den Kanzler, der die SPD 2006 wieder auf die Regierungsbank bringen möchte, nicht von Nachteil.

Die Franzosen übernehmen zwar nicht den Vorsitz, haben aber genügend Interesse, die Afrikahilfe voranzutreiben. Schon wegen der Kolonialtradition können sie Afrika nicht den Engländern überlassen. Ohne Frankreich ist aber auch der Weg zu einem starken und einigen Europa nicht gangbar.

Und damit zurück zum Plan: Europa. Europa kann nur dann zu einer Weltmacht aufsteigen, wenn es einig ist – und wenn der äußere Abnabelungsprozess von den USA mit einem inneren Annäherungsprozess einhergeht – über Afrika.

Die vielleicht größte Angst der Amerikaner ist die Bedrohung durch internationalen Terrorismus. Und der kann besonders dort brüten, wo Menschen in Armut und Elend leben. Verheißung auf der einen und Ausweglosigkeit auf der anderen Seite haben Gewicht. Afrika ist deshalb idealer Nährboden für Gewalt. Das wissen die USA, das weiß Europa. Die einzige Möglichkeit, die wachsende Gefahr einzudämmen oder wenigstens zu reduzieren, ist Hilfe. Den Kampf gegen die Armut gebietet die Moral. Aber er ist auch ein präventiver Kampf gegen Terror.

Wenn also England, Frankreich und Deutschland sich gemeinsam gegen Gewalt und Terror wenden, indem sie den Armen helfen, ist das gut. Auch für die USA. Amerika profitiert davon – ganz gleich, wie weit es sich in Afrika einbringen will. Und es braucht Europa, mehr denn je. Weil es Angst hat, und weil es diesem Kampf nicht gewachsen ist. Eine Folge könnte sein, dass es damit für eine US-Regierung schwieriger wird, in Eigenregie für den Umsturz von Regimen zu sorgen. Ein Tony Blair könnte sich leichteren Herzens und plausibler gegen den Wunsch eines George W. Bush stellen. Und ein Nein Europas könnte dann auch ein endgültiges Nein sein.

Afrika und andere Teile der Dritten Welt würden sich jedenfalls nicht gern gegen Europäer stellen, die helfen. Erst recht nicht bei wichtigen Entscheidungen. Etwaige Abstimmungen im Weltsicherheitsrat, zum Beispiel über militärisches Vorgehen gegen Iran, Nordkorea oder gar Syrien, würden dann deutlich negativ ausfallen.

Ein solcher Plan könnte Macht bedeuten: Für Europa – und für seine Staatschefs, auch im jeweils eigenen Land. Und nebenbei könnte er die Welt ein klein wenig besser machen.

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