Europa und Deutschland : Ruf nach Führung

Deutschland, das größte Mitgliedsland, das zugleich die erste Phase der Finanzkrise am besten überstanden hat, gibt mehr denn je den Takt bei der europäischen Krisenbewältigung vor: Zögert Berlin, geht es auch in Brüssel selten voran; ringt sich die Bundesregierung zu einem neuen Schritt durch – meist in Absprache mit Frankreich –, ist schnell eine EU-Mehrheit dafür beisammen. Sicher, es gibt skeptische Nationen wie Großbritannien und Tschechien, doch verkennen Angela Merkel und Wolfgang Schäuble, dass die meisten Partner im Stillen nach Führung und einer klareren Ansage über die Richtung der Reise verlangen. Sie wollen, dass Berlin mehr agiert denn reagiert; sich nicht erst vom französischen Hansdampf Nicolas Sarkozy zum Jagen tragen lässt. Die Niederlande und Finnland etwa, die ebenfalls die finanzpolitische Bestnote innehaben und innenpolitisch angesichts der teuren Euro-Rettungspakete ebenfalls zerstritten sind, orientieren sich direkt an Deutschland. Die Frage ist daher nicht, ob Deutschland es schaffen könnte, seine Nachbarn von mehr Europa zu überzeugen, sondern ob Merkel bereit ist, zu kämpfen, um die Bürger dafür einzunehmen. Es ist wohl das, was Altkanzler Kohl auch im Hinblick auf die Nichteinmischung in Libyen gemeint hat, als er von der mangelnden Verlässlichkeit Deutschlands gesprochen hat. Klar jedenfalls ist, dass sie sich ihn in vielen europäischen Hauptstädten zurückwünschen. chz

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