Europa und die Ukraine : Das alte Märchen zieht wieder

Die Ukraine hat Europa geweckt. Vor kurzem noch hieß es, das alte Narrativ - nie wieder Krieg, offene Grenzen, Wohlstand - sei langweilig und überzeuge nicht mehr. Nun sieht jeder: Nicht die Ideen waren schal geworden, sondern die jungen Europäer lau.

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Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957. Signatarstaaten der EWG waren Belgien, die Bundesrepublik, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande.
Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957. Signatarstaaten der EWG waren Belgien, die Bundesrepublik, Frankreich,...Foto: dpa

Wer sich in den vergangenen Jahren, vor allem seit Beginn der Eurokrise, auf Veranstaltungen europanaher Institutionen bewegte, hörte immer öfter ein lautes Wehklagen. Es klang wie von einem Kind, dessen Lieblingsspielzeug kaputt gegangen war und das nun seine Freunde mit einer neuen, viel aufregenderen Beschäftigungsidee auf sich aufmerksam machen wollte. Europa braucht ein neues Narrativ, lautete die Klage.

Das alte Märchen zog nicht mehr, das war der Hintergrund des Lamentierens. Die Kinder hörten nicht mehr zu, wenn die Großväter die Platte von der großen, kontinentalen Friedensbewegung Europa auflegten und den Geist der Grenzüberwindung und der niedergerissenen Schlagbäume beschworen. Ohne Pass quer durch den Kontinent reisen, überall studieren, in jedem Land arbeiten, sich niederlassen, wo es einem gefällt, überall zwischen Sizilien und den Schären der schwedischen Küste: Das war alles kalter Kaffee, die Sensation von gestern. Dafür muss man doch nicht wählen gehen, und begeistern kann das selbstverständlich Gewordene erst recht nicht mehr.

Für die EU kam der Schock gerade zur rechten Zeit

Europa brauche eine neue Begründung, meinten die Alten dann, wenn sie beschwörend vom dringlich zu findenden Narrativ sprachen. Aber das war irgendwie so, als fände eine Klasse von Sechsjährigen Grimms Märchen, die immer wieder vorgelesenen, plötzlich grottenlangweilig und solle stattdessen mit Hans Christian Andersens Erzählungen begeistert werden. Ein Narrativ ist eben nichts als eine spannend vorgetragenen Erzählung, und wenn die ursprüngliche Begründung für Europa – nie wieder Krieg, offene Grenzen, Wohlstand – nicht mehr zieht, dann sind nicht die Ideen schal geworden, sondern die jungen Europäer lau. Die große Idee Europa war in Gefahr, ihre Follower zu verlieren. Immer weniger klickten die Gefällt-mir-Taste an, wahlfaul wurden die Europäer. 43 Prozent schleppten sich 2009, bei der letzten Europaparlamentswahl, zur Stimmabgabe, in Litauen waren es nur 21 Prozent.

Aber in Deutschland und vermutlich hoch oben, im Nordosten Europas, im Baltikum, wird das am 25. Mai möglicherweise anders sein. Denn Europa brauchte kein neues Narrativ, es brauchte nur einen Schock, der es aus seinem Phlegma und seiner Lethargie aufscheuchte. Und dieser Schock hat einen Namen: Es ist die Ukraine-Krise. Und das Zittern vor den Folgen dieses Schocks ist da besonders groß, wo die Europäische Union – jener Laden, dem angeblich das Narrativ fehlt – nicht mehr hinreichte. Alle Länder aber, die in der EU sind, begriffen plötzlich, dass sie nur deshalb nicht zittern mussten, weil sie unter dem Dach der EU sicher sind und sie der Schirm über ihren Häuptern auch vor jemandem wie Putin schützt.

Europa braucht ein gutes Gedächtnis

Alle Staaten, die im Zuge der Osterweiterungen 2004 und 2007 Mitglieder der Europäischen Union wurden, wären ohne diesen Schutzmantel heute so akut von Russlands Dominanzstreben bedroht wie die Ukraine. Man kann sich leicht vorstellen, mit welcher Infamie Moskau zum Beispiel ein nicht in der EU verankertes Rumänien destabilisieren würde, strebt doch dessen östlicher Nachbar Moldau nicht zuletzt deshalb geradezu verzweifelt Richtung Europa, weil Russland die an die Ukraine grenzende rumänische Region Transnistrien zur Ablösung treiben will.

Noch bedrohlicher wäre die Lage der baltischen Länder, die ja bis zum Zerfall der Sowjetunion Republiken der UdSSR gewesen waren. Es stimmt ja nicht, dass sich das politisch gemeinschaftlich organisierte Europa nach Osten ausdehnen will, um Russland zu bedrohen. Tatsächlich suchen die früheren Ostblockländer und Ex-Sowjetrepubliken Schutz unter dem Dach der EU. Der Friedensstörer, also jene Macht, vor der die Länder Mittelosteuropas Angst haben, ist ein Russland, dessen Absichten im Dunkeln bleiben. Auch deshalb strebte die Ukraine Richtung Westen. Und nur, weil der ukrainische Präsident Janukowitsch die erhoffte engere Kooperation mit der EU hintertrieb, begannen ja die Proteste in Kiew auf dem Maidan.

Das hat auch das sogenannte alte Europa begriffen, und deshalb zieht das alte Märchen nun plötzlich wieder. Frieden ist eine Verheißung, und Europa bietet Schutz vor Krieg und Gewalt. Es braucht kein neues Narrativ. Es braucht nur ein gutes Gedächtnis.

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