Meinung : Europa und die USA: In Trauer vereint -und dann?

Diesmal waren es nur achtzehn Minuten, die die Welt veränderten. Mit dem Feuerball, der aus dem zweiten Turm des World Trade Centers herausschoss, drang das Unvorstellbare, das bis dahin der Stoff von Horror-Filmen gewesen war, tief in unsere Wirklichkeit ein.

Zum Thema Online Spezial: Terror gegen Amerika
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Chronologie: Die Anschlagserie gegen die USA
Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Seitdem ist dieses Schreckens-Bild unter uns. Aber- und abermals wiederholt auf den Bildschirmen und Zeitungsseiten, hat es sich festgesetzt in unseren Köpfen und Nerven. Es gehört jetzt zu den Jahrhundertbildern - so wie der Atompilz von Hiroshima, das Tor von Auschwitz, die Mauer. Zeigen diese Bilder vom 11. September des Jahres 2001 aus New York und Washington gar, wie der britische Historiker Timothy Garton Ash vermutet hat, den wahren Beginn des 21. Jahrhunderts an? Eine Zäsur von der einschneidenden Art, dass wir nicht mehr hinter sie zurückkönnen, bezeichnet es allemal.

Es gehört dazu, dass wir, trotz der heftigen Produktion von Analysen, Deutungen und scharfsinnigen Thesen in den vergangenen Tagen, noch immer der Bedeutung des Ereignisses hinterherhecheln. Das Menetekel, die Droh-Schrift, steht an der Wand. Aber wer liest sie richtig?

Gewiss, jeder spürt es: das ist ein Bruch in der Geschichte der Zivilisation. Wer hätte sich vorstellen können, das bemannte Flugzeuge von Kamikaze-Terroristen zu Bomben gegen unschuldige Menschen, Zivilisten, gemacht werden? Auch hat das monströse Ereignis rabiat die Achse der Bedrohung gedreht: da ist kein Feind mehr, sind keine Machtblöcke, steht keine Armee - nur diese Drohung aus dem Dunkeln. Aber sonst? Sicher ist nur, dass vieles unsicher geworden ist, worauf bisher Verlass zu sein schien.

Unübersehbar sind wir aber dabei, in eine zweite Phase dieser Schreckensgeschichte einzutreten. So eindrucksvoll das weltweite, einhellige Mitempfinden war - auch das ein Datum in der Geschichte der Zivilisation, ein hoffnungsvolles -, so sehr wird es mittlerweile von den neuen Debatten überlagert. Noch wirkt der Schock, noch stiftet er die Eintracht in Erschütterung und Zorn, doch die Frage, wie es weitergehen soll, die Ängste und Unsicherheiten, die sie schürt, nagen schon am Konsens.

Müssen wir Amerika folgen, folgen um jeden Preis? Was an Unterstützung wollen wir bieten, wenn sie gefordert werden wird? Beim Trauern sind wir alle dabei. An der möglichen Beteiligung deutscher Soldaten oder der Regelanfrage für ausländische Arbeitsuchende und Zuwanderer scheiden sich die Geister.

Dagegen ist im Grunde genommen nichts einzuwenden, denn solche Schritte müssen diskutiert, ja, es muss um sie gestritten werden. Es wäre ja auch nichts dagegen zu sagen, wenn man nicht fürchten müsste, dass die ganz neue Bedrohung die ganz alten Hysterien in diesem Land wieder emporspülen werde, bekannt aus der Friedensbewegung und dem Golfkrieg und jener deutschen Betroffenheits-Kultur, die uns bei unseren Nachbarn die spöttische Formel von der "German Angst" eingebracht hat. Es wäre fatal, wenn die Debatten, die nun beginnen müssen, sogleich besetzt würden von Klischees des Überwachungsstaats und des Cowboy-Amerikanertums. Es würde bedeuten, dass die Erschütterung, in der wir uns in der vergangenen Woche gefunden haben, so ernst doch nicht gemeint war.

Bislang haben die Deutschen auf den Weltuntergang in Downtown Manhattan erstaunlich, ja, ermutigend reagiert. Aber die Probe, ob wir wirklich begriffen haben, was die Epochen-Uhr geschlagen hat, kommt erst jetzt.

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