Europa und Griechenland : Kein Bock auf Sündenböcke

Auch mitten in der Krise: Europa muss Strukturen erkennen – nicht Schuldige suchen. Ein Kommentar

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Wolfgang Schäuble umringt von den Ministern in Brüssel.
Klare Fronten. Bei den Ministern in Brüssel brach nach dem Bruch fast Erleichterung aus.Foto: John Thys/AFP

Abgereist sein wird sie heute Nachmittag, die wackere Queen. Weiterfließen wird das Wasser der Spree, auf dem Großbritanniens Königin in einer Schaluppe samt Prinzgemahl und Bundespräsident am Mittwoch in Berlin unterwegs war. Auf den Royal Flash, auf die Sondersendungen mit Krönchen-Icon am Bildschirmrand, folgt die Rückkehr in den Alltag der Hauptstadt. Die Regierenden müssen wieder regieren, die Spreekapitäne wieder mit Touristen an Bord navigieren.

Die Öffentlichkeit indes gerät, jede Wette, nach dem kurzen Interim mit Jubel und Trubel, wieder ans übliche Lamentieren über die Übel der Gegenwart. Schlimm: Flüchtlinge, Lauschangriffe, Streikende! Vor allem aber schlimm: die Griechen, die Griechen! Sie sind die aktuellen Sündenböcke von Brüsseleuropa. Da wird die Queen, deren Spreeschiff den Namen des griechischen Helden „Ajax“ trug, schnell vergessen sein.

Europa der Partikularinteressen

Die Griechen, ihre Forderungen, ihre Weigerungen, ihre Traumtänzerei stellen die Geduld der redlichen Kassenwarte des Nordens auf die Probe. Das tun sie gewiss nicht ohne Grund, nach allem, was zum Finanzgebaren Athens ruchbar wurde. Es wäre jedoch zu einfach, „die Griechen“ allein zur Rechenschaft zu ziehen für ein Europa, das noch nicht bei sich ist. In klugen, schönen Worten gibt es bereits ein „Europa“, das demokratisch, solidarisch und einig ist. In der Wirklichkeit gibt es vor allem das Europa derer, die zwar von den Privilegien profitieren, doch primär ihre Partikularinteressen durchboxen wollen.

Das kann nicht funktionieren. Und wenn etwas nicht funktioniert, ist es dysfunktional. Wenn ein System dysfunktional ist – eine Gruppe, eine Familie, eine Baustelle, eine Ökonomie –, wird meist die Wahl getroffen zwischen zwei Wegen, Abhilfe zu schaffen. „Was ließe sich gemeinsam besser machen? Was wäre jetzt am konstruktivsten?“ So lauten inkludierende Fragen, die strukturelle Ursachen für das Dysfunktionale ans Licht bringen können. „Wer ist schuld? Wen sollten wir loswerden, wen rauswerfen?“ So lauten exkludierende, primitive Fragen nach dem Sündenbock. Verrannte arabische Staaten exerzieren diese Denkfigur etwa mit dem Feindbild und Blitzableiter „Israel“.

Europa sollte, könnte, müsste es besser wissen. Rührend kindlich ist ja die Idee vom Bock, der, mit den Sünden der Gruppe beworfen, in die Wüste gejagt wird. In der Forschung wird auf den Charakter des Trennungsritus – rite de séparation – hingewiesen, den diese dem magischen Denken entsprungene Praxis besaß. Indem der Bock mitsamt der Sündenlast der Großgruppe ins Verdursten und Verderben geschickt wird, trennt sich die Gruppe symbolisch von ihren Vergehen. Pragmatischer, aufgeklärter Politik stehen solche Akte nicht an. In aller Klarheit ist ja zu erkennen, dass sich trotz des rituellen Prozesses, mit dem Übertretungen der Großgruppe symbolisch auf einen Sündenbock übertragen wurden, diese Übertretungen noch immer der Dynamik der Gesamtgruppe verdanken.

Der "Symptomträger" kommt ins Heim

Geändert hat sich an ihr durch solches Ausstoßen und Exterritorialisieren, das Psychologen Abspaltung nennen, rein gar nichts. Auch eine Familie, die ein zum Sündenbock erkorenes Kind – wissenschaftlich „index child“ oder „Symptomträger“ genannt – ins Heim verfrachtet oder aus dem Leben schafft, entledigt sich damit keineswegs ihres über Generationen aufgestauten, traumatischen Materials. Vielmehr bleibt mit der latent allen bewussten Tatsache, dass der Sündenbock erfunden wurde, das Unangenehme, Unerledigte virulent. Nichts hat sich gelöst.

Auf dieselbe Weise könnte auch ein ausgestoßenes, entwürdigtes, zur Drachme regrediertes Griechenland die Strukturfehler von Brüsseleuropa um kein Jota verändern. „Was ließe sich gemeinsam besser machen? Was wäre jetzt am konstruktivsten?“: Darum geht es. Noch fehlt nämlich der Europäischen Union eine Dimension, die wirkmächtig über das Klimpern von Euro-Münzen beim Klang der Beethoven-Hymne hinausweist. Institutionen, die für eine europäische Wirtschafts-, Fiskal- und Sozialunion sorgen, sind, etwa angesichts globalisierter Terrormilizen und ökonomischer wie ökologischer Gefahren, notwendiger denn je. Aussondern und Fingerzeigen bewirken, gestalten keine neuen Strukturen. Politisch kommt es darauf an, der populistischen Versuchung zu widerstehen, den Mythos vom Sündenbock zu instrumentalisieren, der falsche Einigkeit auf Kosten Dritter simuliert – und auf Dauer nicht trägt. Gute Wege führen vom Mythos zum Logos, zum Verstand.

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