Meinung : Experiment am Hindukusch

Von Robert Birnbaum

-

W ir armen Deutschen müssen so viel Neues lernen, da halten wir uns gerne ans Altbewährte. Vielleicht deshalb atmen Debatten über Sinn und Auftrag der Bundeswehr immer noch so viel Altbundesrepublikanisches. Die Opposition hat gerade wieder Kritik und Zweifel am Konzept angemeldet. Lassen wir einmal beiseite, dass die bürgerlichen Parteien dabei bemerkenswert gegenläufige Ansätze verfolgen – die FDP stützt mit dem Ruf nach einer Profiarmee in letzter Konsequenz den Kurs einer Landesverteidigung am Hindukusch, die Union redet einem Heimatschutzkonzept das Wort, das stark nach Rettungsmanöver für Wehrpflicht und Standorte riecht. Einig aber sind sich die Kritiker darin, dass insbesondere der Afghanistaneinsatz doch eine sehr fragwürdige Sache sei. Und damit haben sie sogar Recht. Dass die Zentralregierung in Kabul von internationalen Truppen geschützt werden muss – keine Frage. Ob es aber wirklich auf Dauer mehr Frieden bringt, wenn gut 200 Bundeswehrsoldaten in Kundus sitzen und demnächst rund 100 im noch viel abgelegeneren Faisabad? Ganz richtig: Das ist zweifelhaft.

Es ist umso fragwürdiger, als die Nato sich zwar feierlich dazu bekannt hat, weitere Aufbauteams zu stellen, aber die meisten NatoMitglieder es damit nicht besonders eilig haben. Der Zweifel also hat seine Berechtigung. Nur – was ist seine Konsequenz? Rückzug, Abzug, schulterzuckendes Adieu? Sollen doch die Afghanen (oder Kosovaren oder Bosnier) sehen, wie sie alleine klarkommen, und wenn nicht, müssen eben die Amerikaner wieder Taliban und Bürgerkriegsparteien zusammenschießen? Das kann nicht im Ernst die Alternative sein. Eine andere hat aber niemand. Man kann und muss darüber reden, ob diese Einsätze optimal geplant, geführt und ausgeführt werden. Auf diesem noch recht neuen Feld gibt es Lernbedarf, die Pannenserie im Kosovo zeigt es. Aber in der Grundsatzkritik, die da neuerdings in Mode kommt, steckt zu viel altes Denken. Wir sind es noch nicht gewohnt, dass unsere Einsätze im Ausland lange dauern und nicht zwingend Erfolge sein werden. Wir schleppen aus der Zeit des Kalten Krieges in Militärdingen ein Denken in Sieg und Niederlage mit. Es fällt uns schwer zu akzeptieren, dass Kundus und Faisabad Experimente sind mit zwangsläufig sehr ungewissem Ausgang. Aber genau daran werden wir uns gewöhnen müssen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben