Fiat : Retter in Not

Fiat will Opel übernehmen – und steckt doch selbst in der Klemme. Für die deutschen Standorte stellt sich somit die lebenswichtige Frage, ob Fiat wirklich Opel retten will oder bloß ans eigene Überleben denkt.

Henrik Mortsiefer

Es läuft gut für Opel. Nachdem sich lange niemand für die General-Motors-Tochter zu interessieren schien, melden nun gleich mehrere Unternehmen Interesse an: Fiat aus Italien, der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna, der russische Hersteller Gaz. Die Italiener wollen angeblich schon kommende Woche eine Absichtserklärung unterzeichnen. Wird nun alles gut bei Opel?

Nicht nur die Gegenwehr des Betriebsrats zeigt, dass vor allem eine Übernahme durch Fiat Fragen aufwirft. Was unterscheidet zum Beispiel einen Opel Corsa von einem Fiat 500? Oder einen Fiat Bravo vom Opel Astra? Die Überschneidungen in der Modellpalette fallen selbst dem Autolaien sofort ins Auge. Hier ergänzen sich nicht zwei Marken auf dem engen Automarkt, sie machen sich heftige Konkurrenz. Da hilft es wenig, wenn Opel mit dem Insignia auch in der Mittelklasse Kunden gewinnt. Ohne eine drastische Reduzierung von (Über-)Kapazitäten und Modellvarianten kämen beide Marken nicht voran.

Rätselhaft bleibt aber vor allem, welche strategischen Pläne der hoch verschuldete und defizitäre Fiat-Konzern hat. Noch vergangene Woche wurde ein Interesse an Opel dementiert. Nun ist Fiat plötzlich der heißeste Favorit. Der rasche Sinneswandel dürfte allerdings wenig mit der plötzlichen Attraktivität des deutschen Autobauers zu tun haben. Fiat sucht vielmehr nach einem Ausweg für die festgefahrenen Fusionsverhandlungen mit einem direkten Wettbewerber von General Motors: Chrysler. Die Italiener scheitern gerade bei dem – als größenwahnsinnig bezeichneten – Versuch, eine Allianz mit dem US-Hersteller zu schmieden. Vor allem der Widerstand der US-Gewerkschaft scheint zu stark für die Europäer. Versucht Fiat mit der Opel-Karte das Pokerspiel in den USA zu wenden und Druck in Übersee aufzubauen?

So oder so, am Opel-Standort Deutschland richtet sich das ganze Interesse nun auf Fiat. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass sich die Italiener nicht mit der deutschen Traditionsmarke zufrieden geben würden, wenn es zu einer Übernahme käme. Selbst im Bündnis mit der gesamten europäischen GM-Tochter (einschließlich Vauxhall) würde der Fiat-Konzern (Fiat, Alfa Romeo, Lancia) 3,7 Millionen Autos verkaufen. Das ist viel, aber zu wenig, um im globalen Wettbewerb überleben zu können. Spekuliert Fiat also nicht nur auf die GM-Tochter, sondern gleich auf den Mutterkonzern in den USA? Der wäre bei einer Insolvenz billig zu haben.

Für die deutschen Standorte stellt sich somit die lebenswichtige Frage, ob Fiat wirklich Opel retten will – oder bloß ans eigene Überleben denkt. Zum Beispiel, indem Bürgschaften der Bundesregierung in Anspruch genommen werden, die die Kanzlerin nur gewährt, wenn Opel einen Investor findet. Offenbar ist man in Berlin (und im Opel-Land Hessen) froh, dass Fiat eine schnelle Lösung für den Autobauer ermöglichen könnte. Aber der Preis, dass Opel langfristig wieder auf der Strecke bliebe, wäre für das Unternehmen und die deutschen Steuerzahler zu hoch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben