Finanzkrise : Es fehlt nicht am Geld, sondern am Kredit: Der kommt nun vom Staat

Robert Leicht über den Kern der Krise an den Finanzmärkten.

Robert Leicht

Ungeachtet der täglich neuen Turbulenzen der Finanzmarktkrise sollte man kaltblütig versuchen, ihren eigentlichen Kern zu verstehen. Und der erklärt sich aus den gewaltigen Veränderungen in der polit-ökonomischen Zentralinstitution des Kredits. Denn die gesamte Entwicklung der modernen Volkswirtschaften beruht auf der Erfindung und dem Ausbau des Kredits. Wer jemandem Kredit einräumt, verlässt sich nicht nur darauf, dass er eine heute versprochene Leistung zu einem späteren Zeitpunkt pünktlich gewährt bekommt. Er geht vor allem davon aus, dass er sich trotz des durchaus riskanten Vertrauensvorschusses am Ende besser stellt, als wenn er sich immer nur auf Bargeschäfte (Erfüllung Zug um Zug) oder gar bloß auf Naturaltausch einlassen würde.

Auch in früheren Zeiten hatte der Kredit viel mit Vertrauen zu tun, aber es gab persönliche und sachliche Anhaltspunkte. Wer seinerzeit Kredit gab, wusste zum einen ungefähr, mit wem er es zu tun hatte. Zum anderen wussten die Beteiligten die Ware oder die Leistung, die geschuldet wurde, konkret einzuschätzen. Und das Geld, das den Austausch und die Verrechnung erleichtern sollte, war lange Zeit durch Gold, also durch beständige Werte gedeckt. Zwar gab es auch damals Betrug, Pleiten und Konjunkturkrisen. Aber das Wirtschaftsgeschehen war doch anschaulich geblieben und einigermaßen gut zu verstehen.

Nun der große Sprung in unsere Gegenwart: Heute entziehen sich jedenfalls die Finanzmärkte diesem Mindestmaß an Durchschaubarkeit, sogar innerhalb der Bankhäuser selber. Namhafte Bankvorstände müssen gestehen, dass sie das Treiben ihrer eigenen Broker nicht mehr wirklich verstehen. Die unmittelbar an der Front Handelnden sind nicht für das Ganze verantwortlich - und die Verantwortlichen verstehen das Handeln nicht mehr ganz.

Und damit sind wir an einem höchst prekären und paradoxen Punkt angekommen. Das Finanzsystem hat sich - auch dank der Globalisierung ohne echte Finanzkontrolle, dank der extremen Beschleunigung der Datenströme und aufgrund der immer fiktiveren Finanzprodukte - immer weiter entfernt von den ursprünglichen Voraussetzungen des Kredits, nämlich der Möglichkeit, die beteiligten Personen und die gehandelten Leistungen einzuschätzen und zu begreifen. Und trotzdem, ja gerade deshalb ist unser modernes Finanzsystem besonders auf Vertrauen angewiesen, es ist - zugespitzt ausgedrückt - im Grunde auf grundloses Vertrauen angewiesen. Ein solches "Systemvertrauen" steht aber jederzeit auf der Kippe, was man ja schon daran erkennt, das inzwischen schon die Banken selber einander kaum noch vom einen Tag auf den anderen trauen.

Es fehlt also derzeit merkwürdigerweise nicht an Geld, das wird ja tagtäglich neu in den Kreislauf gepumpt - die nächste Inflation lässt deshalb bereits grüßen. Sondern es fehlt an Kredit und Vertrauen. Und deshalb kommt nun jener Staat zum Zug und in die Pflicht, den ausgerechnet auch die Banken sonst weit auf Abstand halten wollten, dessen Transparenzvorschriften sie durch die Ausgründung von "Zweckgesellschaften" und dessen Steuerforderungen sie durch das Ausweichen auf Steuerinseln ausgewichen sind. Der Staat soll nun das Bankensystem nicht allein mit jener Währung versorgen, die nur er drucken lassen kann, sondern vor allem mit jener anderen, welche viele Banken selber nicht mehr in Umlauf setzen können, mit der Währung namens Vertrauen. Denn ohne diesen staatlichen Vertrauensvorschuss ist auch das vorgeschossene Geld nicht viel nütze. Anschließend muss der Staat durch neue Regeln zurückgewinnen, was am Anfang des Kreditwesens stand: Persönliche Verlässlichkeit der handelnden Personen und sachliche Seriosität der Produkte, mit denen sie am Finanzmarkt handeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar