Finanzkrise : Große Töne großer Zocker

Die Finanzjongleure haben nicht nur der Wirtschaft geschadet, sondern auch der Demokratie. Auf den Folgen bleiben die Bürger sitzen.

Tissy Bruns

W as hilft gegen die schwarzen Zeiten, gegen neue Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten, Kreditklemme, die tiefste Rezession, die nun erwartet werden muss? Die Antwort lautet: Niemand weiß es. Das Eingeständnis wird in seltener Einmütigkeit abgegeben, von rechts bis links, von Neoliberalen und Keynesianern, Unternehmern und Managern, von den Akteuren in Wirtschaft und Medien, die viel, von denen in der Politik, die weniger Verantwortung für die Finanzkrise tragen.

Niemand weiß es. Ein wahrer Satz. Man kann ihn denken, sagen, fühlen, um ernsthaft nach Erkenntnissen und wirksamen Gegenmitteln zu suchen. Aber auch als Vorwand für das Gegenteil, für eine Rechthaberei der billigen Art. Die Zahl der öffentlichen Diskussionsbeiträge nimmt rasant zu, die nach dem Motto verfahren: Wenn es ohnehin niemand richtig weiß, dann darf es auch jeder wieder am besten wissen. Wie gehabt, wie vorher. Als wir noch nicht mit offenem Mund vor dem Fernseher gesessen und zugesehen haben, wie die „Masters of the Universe“, die Jongleure der Finanzwelt, ihre eilig gepackten Pappkartons aus der Lehman-Investmentbank herausgetragen haben. Und als klar wurde, dass ihr großes Spiel die Welt ins Unglück gestürzt hat.

Je größer ein Ungemach, desto mehr Energie muss aufgewendet werden, damit das Leben weitergeht wie bisher. Das ist menschlich, folglich erlaubt und möglich, jedenfalls in Ländern wie Deutschland. Die Angst geht um, doch diese Krise hat, vorerst, ein harmloses Alltagsgesicht. Seit einigen Wochen schon wird in Talkshows oder beim politischen Schlagabtausch geredet wie ehedem, als es um Hartz IV oder Gesundheitsreform ging. Im Brustton der Überzeugung fordert jeder, was er schon immer für richtig gehalten hat. Ob Steuersenkung, Konjunkturprogramme oder Grundeinkommen – die Finanzkrise taugt, weil es ja niemand wirklich weiß, als Zusatzargument für jeden altbekannten Vorschlag. Doch diese Art von Debatte nervt, wie sie schon immer genervt hat. Denn unverkennbar gedeiht im Windschatten dieser harmlos-hilflosen Suche nach Halt auch unverändert die Mentalität, die uns in diese Krise erst geführt hat: Die Attitüde, die große Pose überlebt, mit der über anderthalb Jahrzehnte Wirtschaftsjournalisten, Verbände und Sachverständige die Überlegenheit des Marktes gepriesen haben.

Das ist, angesichts der Lage, schwierig geworden. Darum wechseln die Argumente. Die Haltung aber bleibt: Der Staat darf nun verachtet werden, weil er sich zum großen Wurf, koste es, was es wolle, nicht umstandslos bereit erklärt. Sondern für sich reklamiert, was er den Wirtschaftsakteuren längst hätte abverlangen müssen: Verantwortung und Augenmaß. Dass ein weiteres Konjunkturpaket kommen wird, ist längst klar. Aber es kommt nicht darauf an, dass es mit großer Pose verkündet wird, sondern mit Entschlossenheit so wirkungsvoll wie möglich eingesetzt wird.

Nicht der Kleinmut von Angela Merkel oder Peer Steinbrück sind das größte Problem der Krisenbewältigung, sondern die hemmungslose Großspurigkeit der Finanzmanager: Weil sie am Ende gar nicht mehr wussten, was sie angerichtet haben, kann die Politik, die den Schaden kurieren muss, nur auf Sicht handeln. Die Nebel über der Finanzkrise haben sich noch nicht gelichtet. Es kann jederzeit ein weiteres Banken- oder Unternehmensdebakel ans Licht kommen.

Im September 2008 ist viel mehr geplatzt als die große Blase, ganz andere Werte sind zerstört oder angeschlagen worden als Aktien, Derivate, Anleihen, Geld. Die Finanzkrise ist eine ganz und gar selbst gemachte Delegitimation von verantwortlichen Eliten der Wirtschaft in demokratischen Ländern. Die „unsichtbare Hand“ des Marktes gibt es nicht, es waren viele Hände am Werk, die mit den faulen Krediten auch die Verantwortung so abgeschoben haben, dass sie bis heute nicht kenntlich gemacht werden kann.

Auf den Folgen bleiben Staaten, Regierungen, Bürger sitzen. Denn die Staatsverächter haben sich in aller Stille auf den Staat verlassen, während ihre Art des Finanzwirtschaftens jede persönliche und institutionelle Verantwortung verwischt, ja, abgeschafft hat.

Aus guten Gründen stehen die Aufräumarbeiten und dringlichsten Maßnahmen zur Linderung der Rezession ganz im Vordergrund der politischen Diskussionen. Viele Menschen in Deutschland, in Großbritannien oder den USA machen sich aber ganz unabhängig davon längst ihr Bild. Was ist von einer Gesellschaft zu halten, in der für wenige außer Kraft gesetzt ist, was für jeden Menschen ansonsten gilt? Dass man verantwortlich ist für das eigene Tun, zur Rechenschaft gezogen werden kann, für die Folgen geradestehen muss.

Demokratien sind Marktwirtschaften; die Jongleure haben deshalb nicht nur der Wirtschaft geschadet. Wenn in demokratischen Gesellschaften die Grundsätze ausgehebelt werden können, die sie doch zusammenhalten, dann trifft das auch die Demokratie. Sie muss das Vertrauen in die Gestaltbarkeit und Verantwortung zurückgewinnen, das den Spielern mit der großen Pose egal war. Wer glaubt denn denen, die unbeirrt die großen Töne spucken?

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