Flughafen Schönefeld : Die Versager

Schuld am Berliner Flughafendebakel trägt auch der Aufsichtsrat: Er hätte handeln müssen. Die Gelegenheit dazu hatte er offenbar viel früher als bisher bekannt.

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Der Aufsichtsrat der Berliner Flughäfen kann von Glück sagen, dass er derzeit drängende praktische Fragen zu entscheiden hat. Wann eröffnet der neue Großflughafen BER? Und: Wer führt dieses Himmelfahrtskommando künftig? Das wird auf der Sitzung am heutigen Mittwoch erörtert und vielleicht auch schon entschieden. Doch es wird noch zu klären sein, wie sehr der Aufsichtsrat selbst dramatisch versagt hat.

Es ist wahr: In den meisten Situationen nicken Aufsichtsräte die Entscheidungen und Pläne ihrer Vorstände oder Geschäftsführer ab. Nur so erklären sich die Millionensummen, mit denen manche Manager sich vergüten lassen, gebilligt vom Aufsichtsrat und damit auch von Arbeitnehmerseite. Das spezifisch deutsche System der Mitbestimmung ist so, und unterm Strich fährt das Land mit diesem radikalen Konsensmodell gut.

So wird der neue Flughafen Berlin-Brandenburg aussehen
Ein Terminal aus Licht - die Abfertigungshalle am neuen Flughafen BER.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Alexander Obst/Marion Schmieding/Berliner Flughäfen
25.11.2011 12:09Ein Terminal aus Licht - die Abfertigungshalle am neuen Flughafen BER.

Aber es gibt eben Situationen, in denen ein Aufsichtsrat handeln muss. Für solche Momente lebt das Gremium, das ist sein Sinn. Ein Beispiel ist Siemens, wo das vor fünf Jahren so war. Der Aufsichtsrat hat damals erkannt, dass die Korruptionsaffäre den Weltkonzern gefährdet und die Macht übernommen. Klaus Kleinfeld und andere mussten auch ohne nachgewiesene Verfehlungen gehen, und das war nur der Anfang. Siemens ist seitdem ein von Grund auf anderes Unternehmen geworden. Es ging nicht immer gerecht zu, es mögen auch Eitelkeiten eine Rolle gespielt haben – aber letztlich hat der Aufsichtsrat Siemens gerettet.

Was die Berliner vom neuen Flughafen halten
„Kleiner als erwartet, wenn das das neue, große Drehkreuz sein soll“, sagt Thomas Giehm, 35, aus Pankow. Mit Frau Alice, 32, will er sich auf dem Flughafenfest am Wochenende vor allem vom Vorankommen der Bauarbeiten ein Bild machen. „Das sähe auch ohne das Brandschutzproblem nicht so aus, als hätte BER im Juni öffnen können“, finden sie. Die Familie hat im Uni gleich mehrere Flüge ab BER gebucht, auch den Urlaub nach Florida. Nun hoffen sie, dass alles klappt. Doch derlei Vorkommnisse können sie nicht mehr schocken. „Wir sind immer betroffen, letztes Mal war es das Schneechaos in London und der Vulkanausbruch in Island“, sagen sie. Den Zwillingen Sarah und Jonas, 7, ist das egal. Sie spielen lieber mit der Modelleisenbahn am Stand der Deutschen Bahn fahren und gucken aus dem Riesenrad von oben auf die riesige Baustelle.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Christoph Spangenberg
12.05.2012 17:43„Kleiner als erwartet, wenn das das neue, große Drehkreuz sein soll“, sagt Thomas Giehm, 35, aus Pankow. Mit Frau Alice, 32, will...

Auch bei den Berliner Flughäfen gab es diesen Moment, in dem der Aufsichtsrat hätte handeln müssen. Ob der schon länger zurückliegt oder erst eintrat, als Klaus Wowereit im Tower-Fahrstuhl stecken blieb – das Ergebnis allein zeigt, dass der Aufsichtsrat seiner Verantwortung nicht gerecht geworden ist. Das wiegt umso schwerer, weil der Regierende Bürgermeister sich gegen einen Generalunternehmer entschieden hat und damit stärker in der Pflicht steht.

Problem-BER: Reaktionen auf das Flughafen-Desaster
Aus Brandenburger Regierungskreisen hieß es, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit seien "stinksauer" gewesen, als sie von der Verzögerung erfuhren. Beim Regierenden Bürgermeister machte sich eine gewisse Lynchstimmung breit. "Am besten wär's", sagt er, "wenn man gleich irgend jemanden hängen würde oder so." Zugleich versuchte er, dem Desaster eine positive Seite abzugewinnen: Jetzt bleibe Zeit, um auch den Schallschutz für die Anwohner voranzutreiben.Weitere Bilder anzeigen
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09.05.2012 11:35Aus Brandenburger Regierungskreisen hieß es, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit seien "stinksauer" gewesen, als sie von der...

Der Aufsichtsrat hat also vor vergangenem Dienstag, als die Eröffnung platzte, klar versagt. Ob er seitdem erfolgreicher agiert, ist noch offen. Klar ist: Die Öffentlichkeit wurde getäuscht. Nicht nur der Brandschutz war nicht gewährleistet, sondern auch die Computer und die Stromversorgung hakten. Offenbar wurde die Eröffnung auch mit Rücksicht auf die Fluggesellschaften gestoppt. Air Berlin, ohnehin unter Druck, hätte auf dem neuen Flughafen sicher zu knapsen gehabt, weil nur die Hälfte der geplanten Kapazität zur Verfügung gestanden hätte. Denn das heißt: die Hälfte der Umsätze.

Noch steht vieles im Konjunktiv. Aber mal angenommen, die Politik handelte aus Rücksicht auf Fluggesellschaften, um später von ihnen auf Schadenersatz verklagt zu werden – dann würde die Legende platzen, dem Aufsichtsrat sei es nur um die Sicherheit gegangen. In den nächsten Jahren werden sich Richter und Abgeordnete akribisch mit solchen Fragen und Vorwürfen beschäftigen. Je mehr es dem Aufsichtsrat gelingt, BER im nächsten Anlauf zu einem Erfolg zu machen, desto weniger wird er selbst öffentlichem Druck ausgesetzt sein. Wenn das keine Motivation ist.

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