Meinung : Frankfurter Buchmesse: Gutenbergs Millionenerben

Hellmuth Karasek

Das Buchereignis des Jahres hat fast eine Woche vor Beginn der Buchmesse in der Nacht von Donnerstag auf Freitag stattgefunden! Da wurden zur Mitternachtsstunde die Buchläden in Deutschland geöffnet, zumeist jugendliche Käufer stürmten herein, um den neuen Band von Harry Potter zu erwerben - und das gleich (wenn auch vielleicht nicht gleich zur Mitternacht) eine Million Mal.

Angesichts eines solchen Ereignisses von einer Krise des Buchhandels, des Verlagswesens, des gedruckten gebundenen Wortes zu sprechen, wie es in wachsenden Internet-Zeiten und im Gutenberg-Jubiläumsjahr zur Buchmesse besonders üblich ist, wäre - eigentlich - paradox. Aber selbst wenn man das Potter-Fieber, eine besonders heftige Form eines modernen Marketing-Werkes, beiseite lässt, hat das Buchgewerbe nicht zu klagen, das sich heuer, wie Jahr für Jahr in Frankfurt wieder ein rauschendes Fest aus Gedränge, Wehklagen, Champagnerlaune und Branchentratsch, Branchenklatsch und Branchenneid liefert. Viele junge deutsche Erzähler und (vor allem) Erzählerinnen gewinnen große Aufmerksamkeit und stolze Verkaufszahlen, die Bestseller-Maschinerie läuft wie geschmiert, ein teures, die Generationen verbindendes Werk wie das der Beatles ist, obwohl über 100 Mark teuer, bereits 100 000 Mal verkauft. Und auch die Verlagskrisen scheinen behoben, obwohl die Flurschäden und Vertrauenseinbrüche noch eine Weile andauern werden.

Grund also zum Feiern? Die Tassen hoch auf die wiederum größte aller jährlichen Buchmesseveranstaltungen, und hoch die Gläser auf die Literatur und vor allem auf ihre Macher, die Buchhändler(innen), Verleger(innen), Literatur-Agenten und Agentinnen, die Übersetzer und Kritiker und nicht zuletzt die Autoren, die sich auf der Buchmesse einfinden, und das eigentlich "bloß so". Denn die wirklichen Buchgeschäfte sind unter Dach und Fach, die wichtigen Kontakte längst geknüpft und die millionenschweren Kontrakte längst geschlossen: "Eine restlos überflüssige Veranstaltung, denn eigentlich ist alles gelaufen", konstatiert Lothar Menne, der erfolgreiche Doyen des internationalen Buchrechtehandels.

Bleibt also, während die Buchmenschen labern und feiern, bevor sie wieder ins stille Computer-Kämmerlein zurückkehren, zu bilanzieren, dass die Feingeister über Harry Potter natürlich die Nase rümpfen. Ein Erfolg schon, aber Literatur?

Zunächst einmal: Junge Leute, die man längst ins Internet abgewandert wähnte, lesen wieder. Sie lesen dickleibige Fantasie-Schmöker, moderne Märchen. Sie unterhalten sich über Gedrucktes (und nicht über "Verbotene Liebe" oder "Big Brother"). Und das Gespräch findet sogar zwischen den Lese-Generationen statt.

Aber es ist doch "nur" ein Kinderbuch, ein Jugendbuch? Na und? Viele der schönsten und wichtigsten Bücher der Weltliteratur waren Jugend- und Kinderbücher, ob wir an Tom Saywer denken, den unsterblichen "Struwwelpeter", an Michael Ende, Grimms Märchen, oder die großartige Astrid Lindgren.

Und auch wer darüber die Nase rümpft, dass es sich um einen vom Verlag geschickt auf den Markt manipulierten Bestseller handelt, ja um eine gigantomane Bestseller-Manie, ja -Hysterie, sollte sich vor Augen halten, dass ein Bestseller zu sein, auch noch kein kulturelles Verbrechen ist.

Goethes "Werther" war ein Bestseller, Schlinks "Vorleser" ist einer wie "Die Blechtrommel" von Günter Grass oder viele Romane von Hermann Hesse. Bestseller tragen nicht nur, direkt oder indirekt, die Branche auf ihren starken Schultern, sprich: Der "Werther" finanzierte für Goethe den "Faust". Sie drücken auch eine Sehnsucht der Leser nach Dazugehörigkeit, nach Solidarität aus. Lesen muss man, immer noch, allein zu Hause, da, wo einen niemand stört. Schon Vorlesen ist ein menschenverbindender Akt. Und sich an einem Donnerstag um Mitternacht eins zu wissen mit einer Million anderer Leser - das ist nicht die schlechteste Art, sich mit anderen eins zu wissen wie sonst nur beim Fußball. Deshalb lasst uns die Buchfeste feiern, wie sie fallen.

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