Meinung : Frankreichs andere Seite

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Seine Schuld hatte er bis zu seinem Tod am Samstag weder eingestanden noch eingesehen. Maurice Papon war als Generalsekretär der Präfektur von Bordeaux von 1942 bis 1944 ein Handlanger der Nazis. Persönlich hatte er die Verhaftung und Deportation der Juden der Region angeordnet. Aber noch als 93-Jähriger beteuerte er, weder Frankreich noch die Franzosen hätten mit dem Völkermord an den Juden jemals irgendetwas zu tun gehabt. Er verhielt sich so wie viele deutsche Schreibtischtäter, die nach dem Krieg jede Mitschuld am Holocaust bestritten. Und es gibt noch eine Ähnlichkeit: Auch Papons politische Nachkriegskarriere, wie die so manches deutschen Beamten, litt nicht etwa unter der braunen Vergangenheit. Auch er hatte Gesinnungsgenossen, die ihn stützten, förderten und den Prozess gegen ihn verschleppten. Erst Jacques Chirac erinnerte die Franzosen 1995 in einer genauso mutigen wie aufrüttelnden Rede daran, dass die Zeit der Besetzung Frankreichs durch die Deutschen nicht nur eine Ära des tapferen Widerstandes gegen die Nazis gewesen war, sondern dass es eben auch die Kollaboration mit dem Feind gegeben hatte. Diese Schatten des „anderen Frankreich“ reichen bis zum 1996 gestorbenen ehemaligen Staatspräsidenten François Mitterrand. Der arbeitete als junger Mann für Marschall Pétain, dessen Vasallenregime in Vichy bis zum August 1944 mit den Nazis paktiert hatte. apz

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