Freie Universität Berlin : Eine Quelle der Kraft

Die Freie Universität feiert ihr 60-jähriges Bestehen. Ihre Existenzberechtigung neben der Humboldt-Universität wird nach fast 20 Jahren Wiedervereinigung nicht mehr in Frage gestellt. Vielmehr tut der Wettbewerb zwischen beiden Universitäten der Forschung und der Zukunft Berlins gut.

Hermann Rudolph

Es gibt keine Universitätsgründung, die vergleichbar ist mit der, die sich heute vor sechzig Jahren im Titania-Palast in Steglitz vollzog. Denn die damals aus der Taufe gehobene Freie Universität entsprang nicht – wie andere Universitäten – dem Ratschluss eines Souveräns oder einer bildungspolitischen Debatte, sondern der erbitterten politischen Auseinandersetzung. Ihre Entstehung gehört somit zum Ringen um die Existenz Berlins – wie der Kampf der SPD gegen die Zwangsvereinigung mit der KPD, wie die Luftbrücke und die Bewältigung von vier Jahrzehnten Insel-Existenz, weit weg vom Festland Bundesrepublik und mitten in der DDR. Eine Hochschule, eine Bildungseinrichtung, wurde Teil der Selbstbehauptung dieser merkwürdigen Größe West-Berlin, ohne die in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands vieles anders gegangen wäre.

Auch deshalb ist die Erinnerung daran mehr als der Tribut an eine heroische Phase ihrer Geschichte, nützlich auch zu Jahresdaten, die nicht zwingend danach verlangen, angebracht in Zeiten, in denen Themen wie Bachelor-Studiengänge und Exzellenzwettbewerbe das Feld beherrschen. Denn der Gründungsanspruch wurde eingelöst mit einer erfolgreichen Entwicklung. Die Freie Universität gewann nicht nur einen wichtigen Platz in der deutschen Universitätslandschaft. Über die Jahrzehnte hinweg modellierte sie auch mit am intellektuellen und kulturellen Profil der Stadt. Kurz: Hier ist ein Stück altes West-Berlin zu besichtigen, das die abfälligen Urteile über die West-Stadt Lügen straft, weil es sich bewährt und standgehalten hat.

Dabei hat das Verhältnis zwischen FU und der Stadt über die Jahrzehnte hinweg kräftig geschwankt. Zumal in den 68er-Jahren, als die FU bundesweit zum Schaufenster des Kampfes um den Charakter und die Rolle der Universitäten wurde, waren sie sich oft auf drastische Weise fremd. Aber kann das den Beitrag der FU für die Existenz der Stadt und ihr Bild nach außen infrage stellen? Zusammen mit der Kulturszene, mit Theater und Konzerten, den Festspielen, dazu etwa auch dem DAAD und seinem Künstlerprogramm, hat die Freie Universität den kulturellen und intellektuellen Hintergrund bereitgestellt, aus dem die eingeschlossene, gefährdete Teilstadt ein guten Teil ihrer Überlebenskraft zog. Wenn die Kultur im weitesten Sinn zu den identitätsstiftenden Größen der Stadt gehörte, dann ist der Anteil der FU daran gar nicht zu überschätzen.

Gerade der Rückblick aus der Höhe von sechs Jahrzehnten ist vielleicht auch geeignet, die Proportionen zurechtzurücken. Die FU hat sicher gesellschaftliche und intellektuelle Umbrüche mehr gespiegelt als andere Universitäten. Aber übertrifft ihre Kontinuität als Ort von Forschung, Lehre und öffentlicher Wirkung nicht doch ihre Diskontinuitäten? Sie hat ja auch die Herausforderung gemeistert, die die Vereinigung der Stadt für eine Universität bedeutete, die ein Ergebnis ihrer Teilung war. Damals schien es, als werde die FU von der wiedergeborenen Humboldt-Universität zunehmend an den Rand gedrängt. Das ist kaum noch erinnerbarer Frosteinbruch, Schnee von gestern. Inzwischen ist sie längst wieder ins Zentrum der Berliner Bildungslandschaft gelangt, nicht zuletzt dank ihrer Erfolge im Exzellenzwettbewerb. Und die Frage stellt sich, wer denn mehr für das geistige Gesicht Berlins bedeutet, die FU oder die Humboldt-Universität?

Aber muss man sie stellen? Muss man sie beantworten? Man riskiert damit doch nur, in die Falle der alten West-Ost-Orientierungen zu geraten. Der im Horizont der herannahenden zweihundertsten Wiederkehr der Begründung der Berliner Universität von 1810 aufflammende Streit, wer denn deren wirklicher Erbe sei, ist so müßig wie der Zwist, wem die Berliner Nobelpreisträger von ehedem zuzurechnen sind. Für den Rest kann man sich an den „kaukasischen Kreidekreis“ von Bertolt Brecht halten: In dem streiten sich leibliche Mutter und Pflegemutter um ein Kind. Der weise Richter gibt es derjenigen, die erkennbar aus Liebe handelt. Auf die Berliner Universitäten gewendet: Am Ende sind es Leistung und Erfolg, die entscheiden. Man kann es auch Wettbewerb nennen.

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