Meinung : Freiheit, die sie meinen

Amerikaner und Deutsche haben immer noch eine unterschiedliche Sicht auf den Staat. Das hat historische Gründe: Wir praktizieren eine Kultur der Innerlichkeit – dort ist man es gewohnt, dass vieles im Licht der Öffentlichkeit passiert.

Hans-Dieter Gelfert

Man stelle sich vor, ein russischer Informatiker – nennen wir ihn Eduard Snowdenski – hätte die Welt darüber aufgeklärt, dass der Kreml ein weltumspannendes Datensammelprogramm betreibt und zu diesem Zweck private Informationskanäle im In- und Ausland ausspäht. Welcher westliche Staat würde diesem Mann das Asylrecht verweigern? Vielleicht Deutschland, mit Rücksicht auf russische Erdgaslieferungen und lukrative Aufträge für die Industrie. Amerika aber würde den Aufklärer mit offenen Armen empfangen und in Norwegen würde ihm vielleicht schon im Jahr darauf der Friedensnobelpreis verleihen; denn dass solche Aufklärung der Friedenssicherung dient, dürfte kaum zu bestreiten sein.

Amerika gibt uns wieder einmal Rätsel auf. Die Nation, die ihre Besucher und Einwanderer im Hafen von New York mit einer fackeltragenden Freiheitsstatue empfängt, scheint auf einmal ihren höchsten Wert in dem zu sehen, was bisher als Leitwert der Deutschen galt und eben erst vom deutschen Innenminister als „Supergrundrecht“ bezeichnet wurde, nämlich Sicherheit. Umgekehrt scheinen die einst so sicherheitssüchtigen Deutschen, die angeblich pro Kopf die meisten Versicherungspolicen in der Welt halten, neuerdings lieber etwas mehr Unsicherheit in Kauf zu nehmen, als sich durch die Datenschnüffelei des Großen Bruders in ihrer Bürgerfreiheit einschränken zu lassen. Was ist geschehen, dass sich die in diesem Punkt so unterschiedlichen Mentalitäten der beiden Nationen so überkreuzen?

Mentalitäten entwickeln sich nicht von heute auf morgen, sondern über viele Generationen hinweg, und zwar als Antwort auf historische Herausforderungen des jeweiligen Volkes. Am besten versteht man sie, wenn man sie sich wie ein geologisches Sediment vorstellt. Dann braucht man nur darauf zu achten, welche Leitfossilien in einer Schicht auffällig präsent sind und welche fehlen. So zeigt beispielsweise ein Blick auf die Deutschen, dass deren Kultur seit dem Dreißigjährigen Krieg durch die Sehnsucht nach etwas geprägt ist, was mit „Sicherheit“ nur ungenau bezeichnet ist. Treffender ist das Wort „Geborgenheit“, das über das bloße Geschütztsein hinausgeht und eine warme Hülle beschreibt, in der man sich sicher und wohl fühlt.

Im Alltag war und ist es die Sehnsucht nach „Gemütlichkeit“, die im Ausland als typisch deutsch empfunden wird. Kulturell fand diese Sehnsucht ihren sublimsten Ausdruck in der Romantik, für die das Wort „Gemüt“ ein Zentralbegriff war. Noch im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs prägte Thomas Mann die fatale Formel „machtgeschützte Innerlichkeit“. Darin kommen zwei für Deutschland typische Faktoren zusammen: die hierarchische Tradition des Feudalismus und Absolutismus und die Klosterkultur der Innerlichkeit, die sich im protestantischen Pfarrhaus fortsetzte.

Wie fatal sich die deutsche Sehnsucht nach Geborgenheit auswirken konnte, kommt in einem Zitat des Reichsarbeitsführers Robert Ley zum Ausdruck. Er stellte die rhetorische Frage: „Weshalb liebt der deutsche Mensch Adolf Hitler so unsagbar?“ und beantwortete sie so: „Weil er sich bei Adolf Hitler geborgen fühlt. Das ist es, das Gefühl des Geborgenseins, das ist es. Geborgen!“

Die andere große Sehnsucht der Deutschen war die nach Freiheit. Mit Begeisterung sangen sie „Freiheit, die ich meine, die mein Herz erfüllt“, doch im Ernstfall begnügten sie sich mit dem innigen Trost „Die Gedanken sind frei“. Heute ist Deutschland eines der demokratischsten, gerechtesten, friedfertigsten, freiesten und sozialsten Länder der Erde. Dennoch wirkt in uns die historische Prägung durch die alte vertikale Wertordnung und die Tradition der Innerlichkeit nach.

Schaut man auf Amerika, wird man sehen, dass dort genau diese beiden Traditionen fehlen. Amerika denkt und fühlt strikt egalitär und hat eine Kultur, die der Soziologe David Riesman als „außengeleitet“ bezeichnete und die das genaue Gegenteil von Innerlichkeit darstellt. Zwei andere Traditionen sind dagegen unübersehbar präsent: der Puritanismus, der die unterste Schicht der amerikanischen Mentalität darstellt, und die Aufklärung, deren Geist die Verfassung der USA prägte. Beides kam aus Europa, bildete sich aber erst jenseits des Atlantiks zu dem spezifisch amerikanischen Komplex aus, der uns Europäern oft so rätselhaft erscheint und den selbst amerikanische Kritiker immer wieder mit dem Wort „paradox“ bezeichnen. Zahlreiche Bücher über Amerika aus der Feder von Amerikanern haben dieses Wort bereits im Titel. Inzwischen hat sich für das Besondere der amerikanischen Haltung das Fachwort „Exzeptionalismus“ eingebürgert.

Amerikaner mögen noch so egalitär denken und fühlen, als Nation sind sie tief im Innern, sozusagen in der Tiefe ihres kollektiven Unbewussten, überzeugt davon, eine auserwählte Nation zu sein. Das entspricht dem puritanischen Glauben an die Prädestination; und obwohl den meisten Amerikanern der einstige Puritanismus völlig fremd geworden ist, haben sie dennoch das Erwähltheitsethos ihres „Exzeptionalismus“ verinnerlicht. Auch die aus Europa kommende Aufklärung nahm in den USA einen anderen Verlauf. Ein Buchtitel drückt aus, worum es im Kern dabei geht. Er lautet auf Deutsch: „Das Reich der Vernunft. Wie Europa die Aufklärung erdachte und Amerika sie verwirklichte“; das 1978 erschienene Buch stammt von dem angesehenen Historiker Henry Steele Commager. Da sich die Aufklärung mit der älteren Schicht des Puritanismus verband, fehlt ihr in Amerika das, was in Europa durch die großen Skeptiker David Hume und Voltaire repräsentiert wird, nämlich das Element des Zweifels. Amerikaner sind eine Nation von Gläubigen. Privat glauben sie an Gott, an sich selbst und ihre Kinder, sozial und politisch an Amerika. Dass darin ein beträchtliches Maß an Selbstgerechtigkeit steckt, ist offensichtlich.

Das amerikanische Pendel schwang bisher mit großer Regelmäßigkeit zwischen vernunftgeleiteter Aufklärung und glaubensverblendetem Puritanismus hin und her. Beim Wahlsieg Obamas schien es, als schwinge es von George W. Bushs puritanischem Feldzug gegen das Reich des Bösen wieder zurück zur aufgeklärten Vernunft. Jetzt müssen die enttäuschten Deutschen erleben, dass Amerika sich das „exzeptionalistische“ Recht herausnimmt, um der eigenen Sicherheit willen sogar in die Freiheitsrechte verbündeter Nationen einzugreifen. Beunruhigend ist daran vor allem, dass die liberale Hälfte des amerikanischen Herzens, die sonst immer der wirkungsvollste Widerpart der puritanischen Hälfte war, so schwach zu schlagen scheint. Noch beunruhigender ist allerdings, dass auf deutscher Seite zwar wohlfeile Proteste geäußert wurden, danach aber ans Licht kam, dass der amerikanische Datenstaubsauger hier eben auch genutzt wurde, um den deutschen Teppich sauber zu halten.

Warum sehen die freiheitsliebenden Amerikaner in der Datenspeicherung ein so viel geringeres Problem als die Deutschen? Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen wird sich eine egalitäre Gesellschaft den Orwell’schen Big Brother nicht so übermächtig vorstellen wie ein Volk, das jahrhundertelang von oben regiert wurde, und zum anderen sind Amerikaner an eine Kultur der „Außenleitung“ gewöhnt, in der ohnehin alles im Licht der Öffentlichkeit geschieht, ja, ganz bewusst ins Licht der Öffentlichkeit gestellt wird. Wer dieses Licht scheut, hat in ihren Augen etwas zu verbergen und stellt damit eine größere Gefahr für die Freiheit der Bürger dar als Uncle Sam, dem Amerikaner wenig Autorität beimessen.

Vermutlich sind die heutigen Deutschen in ihrem Alltag kaum weniger außengeleitet als die Amerikaner, doch ideologisch orientieren sie sich noch immer an den Werten der „machtgeschützten Innerlichkeit“. Der Journalist Thomas Darnstädt führt in seinem „Spiegel“-Essay „Leviathan ohne Hemd. Der Staat ist vom digitalen Zerfall bedroht“ aus, dass der von Thomas Hobbes beschriebene Kontrakt zwischen dem Leviathan, das heißt dem Staat, und den Bürgern nicht mehr funktioniere, weil der allmächtige Riese, dem sie ihre Souveränität überantwortet haben, damit er sie schütze, dies nicht mehr tue.

Das ist eine spezifisch kontinentaleuropäische, um nicht zu sagen deutsche Sicht. Für das liberale England war Thomas Hobbes als Staatstheoretiker stets ein Buhmann. Auf der Insel und erst recht in Amerika war nicht Hobbes, sondern John Locke die Autorität in Sachen Staatstheorie: Der lehrte die Zähmung des Leviathan durch Gewaltenteilung. Die deutsche Staatsphilosophie bis hin zu Carl Schmitt sah Hobbes in einem viel positiveren Licht.

Amerikaner vertrauen nicht auf den Leviathan, sondern auf konsequent praktizierte Gewaltenteilung, die im Prinzip von checks and balances zum Ausdruck kommt. Innenpolitisch erwarten sie vom Staat nur, dass er für Ordnung sorgt und nicht verfälschend in den privaten Wettbewerb der Bürger eingreift. Wenn es um höhere Steuern für Reiche oder um die Einführung einer Krankenversicherung für Geringverdiener geht, regt sich bei ihnen massiver Widerstand, weil damit Erfolg im ökonomischen Wettbewerb nicht mehr als Erwähltheitsbeweis im Sinne des Puritanismus gelten kann, sondern als Folge einer parteiischen Begünstigung durch den Staat, was als unfair empfunden wird. Wenn aber der Staat die Daten von allen speichert, um damit die Sicherheit aller zu erhöhen, regt sich nur geringer Widerstand.

Allgemeine Einschränkungen der persönlichen Freiheit akzeptieren Amerikaner in vielen Bereichen williger als die Deutschen, bei denen zum Beispiel ein generelles Tempolimit auf Autobahnen bisher nicht durchsetzbar war. Irrational reagieren Amerikaner dagegen beim Waffenbesitz. Allerdings ist dieses Recht durch die Verfassung garantiert, so dass es nur mit einer Zweidrittelmehrheit beider Häuser des Kongresses und mit Zustimmung von zwei Dritteln der Bundesstaaten eingeschränkt werden kann. Gegen äußere Feinde wollen Amerikaner vom Staat geschützt werden, doch gegen Feinde im Inland muss sich jeder selbst verteidigen dürfen. Das entspricht dem puritanischen Ethos, das selbst noch im Sieg über den Verbrecher eine Art Gottesurteil sieht.

Ganz anders fühlen wir Deutsche. Wir sehen im sprichwörtlichen „Vater Staat“ noch immer eine größere Autorität als die Amerikaner, auch wenn wir ihn jetzt eher als treusorgende Mutter haben wollen. Paradoxerweise fühlen wir uns dieser Mutter gegenüber weniger zur Treue verpflichtet als die patriotischen Amerikaner. Wir sehen die Fürsorgepflicht ganz aufseiten des Staates. Wie sehr wir uns den fürsorglichen Staat wünschen, zeigt sich in den Reaktionen des Wahlvolks. So haben wir zurzeit eine Kanzlerin, die höchste Zustimmung genießt; bei „Mutti“ Merkel fühlt sich die Mehrheit geborgen.

Während die Amerikaner, die sich als auserwählte Nation immer latent vom Bösen außerhalb ihrer Grenzen bedroht fühlen, Gefahr laufen, sich im blinden Vertrauen auf das Prinzip der checks and balances einen Big Brother zu schaffen, der sich dieser Kontrolle entzieht, fürchten die Deutschen umgekehrt den staatlichen Leviathan, obwohl sie von ihm geschützt werden wollen: ein Zwiespalt, den die deutsche Politik widerspiegelt.

Dass unsere Regierung mit Rücksicht auf die nationale Geschichte zurückhaltend und oft geradezu ängstlich auftritt, ist verständlich, rechtfertigt aber nicht ihre Mutlosigkeit und ihren Mangel an Gestaltungswillen. Ein Schiff, das stromab treibt, lässt sich nur steuern, wenn es schneller schwimmt als die Flut. Zurzeit sieht es so aus, als werde das deutsche Staatsschiff nur noch von der Strömung weitergetragen.

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