Meinung : Fußball und Fernsehen: Deutscher Samstag

Stefan Reinecke

Wer den "Kicker" liest, muss ein geduldiger Charakter sein. Jede Woche elegant geschriebene Spielberichte, kreative Überschriften ("Vom Regen in die Traufe" oder "Schwere Zeiten für Preetz") und erstklassige Journalistenprosa. Wer sich das zwei Mal die Woche antut, ist entweder sehr, sehr einfach glücklich zu machen oder süchtig - er giert nach jedem noch so nebensächlichen Detail, er liest jedes noch so öde Interview. Fan zu sein, hat viel mit Leiden und eher wenig mit Lust zu tun. Insofern ist der "Kicker" schon die richtige Droge.

Zum Thema Online-Umfrage: Gucken Sie Bundesliga zukünftig lieber auf Premiere? Der durchschnittliche "Kicker"-Leser ist langmütig. Er möchte alles über seine Mannschaft wissen, dann ist er zufrieden. Er will einverstanden sein mit der (Fußball-) Welt, die Revolte ist ihm wesensfremd. Doch derzeit begehrt das "Kicker"-Publikum auf. "Wissen Sie was ich für Probleme mit meiner Freundin bekomme, wenn die Spiele um 20 Uhr 15 beginnen?" schreibt Guenter H. aus Jena. "Nur der Kommerz zählt, nicht der Fan" meint Dietmar B. aus Hennef. "Der deutsche Fußball ist im Würgegriff eines einzigen Medienkonzerns", so Steffen F. aus Freiberg. Denn Leo Kirch hat "ran" in Sat 1 auf 20 Uhr 15 verlegt. Damit will er die Fans zwingen, sein hochdefizitäres Pay-TV "premiere world" zu abonnieren. Und das Abo ist teuer: tausend Mark im Jahr.

Aber es geht nicht nur um Geld, es geht um Macht, Gerechtigkeit und Zeitsouveränität - kurzum: um einen Kulturkampf. Die Fußball-Fans wollen sich von Leo Kirch nicht erpressen lassen. Und sie weigern sich bislang massenhaft, ihren gewohnten Samstag - früher Abend Fußball, danach Gottschalk oder Kneipe - über den Haufen zu werfen, nur weil der Kirch-Konzern hustet. Eine Fangruppe namens Baff ruft zum Boykott von "premiere" auf, Millionen hören trotzig Radio, in den Leserbriefspalten unverdächtiger Sportzeitungen macht sich antikapitalistische Rhetorik breit.

Von Kirchs Warte aus stellt sich die Sache natürlich anders dar. Er hat viel Geld für eine Ware, die Fußballrechte, bezahlt, und diese Ware nutzt er, um die Deutschen mit dem Pay-TV vertraut zu machen. Denn anderswo, in Frankreich und England, kann man mit Pay-TV viel Geld verdienen. Warum hier nicht? Deshalb greift er zur Brechstange.

Das ist riskant. Denn wenn das deutsche Fußballvolk bockig bleibt und weder "premiere" kauft noch "ran" anschaut, kann es übel ausgehen - für Kirch und für die Liga. Fußball ist eine empfindliche Ware. Wenn "ran" floppt, werden die Sponsoren der Clubs nervös. Denn dann sehen zu wenige ihre Werbung auf den Trikots. Das Fußballbusiness wächst in Deutschland seit zehn Jahren rapide. In die Liga wird immer mehr Geld gepumpt - was passiert, wenn das mal aufhört, weiß niemand.

Kirchs Rechnung ist einfach: Er verknappt die Droge und zwingt die Süchtigen zu kaufen, was sie gar nicht wollen: "premiere". Das kann schief gehen, zum Glück. Und zwar aus drei Gründen: Die Deutschen sind zwar fußballverrückt, aber nicht so abhängig wie anderswo, maßvoll auch in der Leidenschaft, eben deutsch. Deshalb gibt es hierzulande auch keine täglichen Sportzeitungen wie in Italien. Zweitens kann es gut sein, dass die Deutschen einfach kein Pay-TV wollen - es gibt hierzulande viel mehr Free-TV-Sender als in England und Frankreich (viele davon gehören - Kirch). Und schließlich steckt auch in dem braven, revolutionsfernen "Kicker"-Leser ein kleiner Michael Kohlhaas. Und Eigensinn war in der Kirch-Strategie nicht vorgesehen.

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