Gastbeitrag : Krise in Afrika

In Westafrika konnte eine Hungersnot verhindert werden - auch weil die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen wurden.

Christoph Klitsch-Ott
Foto: promo
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Es ist ein halbes Jahr her, dass Deutschland die ersten Meldungen über eine drohende Hungerkatastrophe in Westafrika erreichten. Fotos von ausgemergelten Böden und vertrockneten Wasserlöchern illustrierten das Szenario. Sechs Monate sind vergangen, aber noch immer stellt sich die Frage: Was ist los in Westafrika? Hungern die Menschen? Verhungern sie gar? Droht nach Ostafrika eine weitere Hungersnot?

Die Meinungen über die Dramatik der Lage, das ist unübersehbar, gehen auseinander. Während die einen bereits zu Spenden aufrufen, halten sich andere Hilfsorganisationen auffallend zurück. Auch die Statistiken sind uneinheitlich: Während ernst zu nehmende Meldungen von sechs Millionen hungernden Menschen berichten, sprechen die Vereinten Nationen von acht bis elf Millionen Hungernden und 22,9 Millionen von der Dürre Betroffenen.

Was ist überhaupt eine Hungersnot? Orientierung geben die Kriterien der UN, die mit geradezu unbarmherziger Nüchternheit festlegen, wann eine Hungersnot ausgerufen wird: 1. Es sterben jeden Tag zwei von 10 000 Menschen, 2. 30 Prozent der Kinder sind unterernährt und 3. mindestens 20 Prozent der Bevölkerung haben keinen Zugang zu 2100 Kilokalorien täglich. Von solchen Zahlen sind wir in Westafrika glücklicherweise weit entfernt. Trotzdem ist die Frage berechtigt, ob die derzeit begrenzten Krisenherde sich zu einer flächendeckenden Katastrophe ausweiten könnten.

Dürren gehören für die Menschen im Sahel, so traurig das ist, zum alltäglichen Kampf ums Überleben dazu wie die Wetterextreme: Entweder es regnet gar nicht, oder der Regen fällt so reichlich, dass er ganze Landstriche flutet. Das Wetter, wohl auch der Klimawandel, spielt eine wichtige Rolle. Der Blick auf das Wetter sollte aber nicht den Blick dafür verstellen, dass erst der Mensch die Krisen zur Katastrophe werden lässt. In Somalia war das der Bürgerkrieg. Ohne den Bürgerkrieg hätte von der Dürre in Ostafrika vermutlich niemand Notiz genommen. Die Parallele zu Westafrika ist offensichtlich. Denn auch im Sahel verschärft die Tuareg-Rebellion die Lage für Zehntausende von Flüchtlingen. Gravierender ist im Sahel jedoch die chronische Armut. Wir haben es in Westafrika nicht mit einem Mengenproblem zu tun. Es gibt genug Nahrungsmittel auf dem Markt. Es gibt kenntnisreiche afrikanische Händler, die in der Lage sind, große Mengen Getreide zu beschaffen. Das Problem ist nicht die Menge, sondern der Zugang zur Nahrung. Das Essen ist für zu viele Menschen viel zu teuer. Das ist ein Skandal. Der Skandal ist, dass die Krise der Normalfall ist. Denn es ist eine chronische, strukturbedingte Krise.

Aber es ist derzeit nicht absehbar, dass sich die skandalöse Dauerkrise zu einer flächendeckenden Hungerkatastrophe entwickelt. Die neuesten Zahlen geben eher Anlass zu der Hoffnung, dass es bei regional begrenzten Krisen bleiben wird. Gefährdet sind beispielsweise Gebiete im Süden Mauretaniens und einige Landstriche Malis. Sie werden derzeit als Status 3 („Krise“) eingestuft. Die flächendeckende Hochstufung Westafrikas zum Status 4 („Notstand“ oder gar 5 („Hungersnot“) ist jedoch, wenn kein neuer Faktor wie ein Bürgerkrieg hinzukommt, nicht zu erwarten.

Wachsamkeit ist deshalb weiter nötig, Alarmismus jedoch fehl am Platz. Ein zweites Ostafrika, ist nach allem, was wir wissen, derzeit nicht zu befürchten. Dazu hat auch beigetragen, dass aus der Vergangenheit richtige Lehren gezogen wurden: Es gibt zum Beispiel ein deutlich präziseres Frühwarnsystem, bessere Vorratshaltung und eine größere Zahl von Ernährungszentren.

Das ist kein Grund, sich zurückzulehnen. Dringend benötigt werden Projekte, die die strukturellen Probleme lösen: Trockenresistentes Saatgut, Erosionsschutz und Erntespeicher sind wichtige Stichwörter. Bisher lehrt die Erfahrung allerdings, dass Spenden erst dann fließen, wenn uns Bilder der akuten Not erreichen. Um das Notwendige gegen die chronischen Probleme tun zu können, sind aber antizyklische, von akuten Krisen unabhängige Finanzierungen notwendig. Egal ob von privaten Spendern oder Regierungen.

Der Autor leitet das Referat Afrika bei Caritas international.

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