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Gastbeitrag : So lebendig wie nie

04.01.2013 00:00 UhrVon Bruce Bowers
Foto: privatBild vergrößern
Foto: privat

Nach dem Sieg der Muslimbrüder in Ägypten ist ein Schatten auf den Arabischen Frühling gefallen. Doch eine neue Kultur ist dennoch zu spüren, zum Beispiel bei Kunden und in Unternehmen, berichtet unser Autor, der den Bereich Naher Osten der Allianz leitet.

Das Bangen um Syrien lässt die Umwälzungen, die sich in der ägyptischen oder libanesischen Wirtschaft vollziehen, zurzeit in den Hintergrund treten. Dabei sind sie spektakulär. Nachdem der Deckel vom politischen Druckkessel genommen wurde, geht es bei den Unternehmen dort lebendig zu wie noch nie. Wo früher die Menschen aus Angst oder Konformismus schwiegen, wird heute über Verbesserungsmöglichkeiten oder schlechte Erfahrungen unbekümmert, offenherzig, fordernd und teils in forschem Ton diskutiert.

Es ist eine Freude, nach den Jahren der Stagnation und Lethargie diese Entwicklung mitzuerleben und ihr einen Resonanzboden zu verschaffen.

Konsumenten in der arabischen Region hatten über Dekaden keine Stimme. Sie kauften, was angeboten wurde. Heute ist das Kaufverhalten wie verwandelt. Die Menschen fordern: Alles muss besser und billiger werden. Sofort! Internet und Social Media haben ihnen ein wirkungsvolles Informations- und Kommunikationsinstrument an die Hand gegeben. Sie ermöglichen den Vergleich mit Produkt- und Servicestandards in anderen Weltgegenden und vervielfachen ihre Meinungs- und Marktmacht.

Die Erwartungen steigen. Qualitätshürden für Unternehmen werden neu justiert. Enttäuschende Produkterfahrungen werden ohne Zögern ins Netz gestellt. Kunden melden sich auch unverzüglich per Anruf oder Mail beim Produzenten oder schreiben der zuständigen Behörde einen geharnischten Brief. Das war über Jahrzehnte alles undenkbar.

Versammlungen der Mitarbeiterschaft mit dem Spitzenmanagement, die wir „Town Hall Meetings“ nennen, nehmen einen ganz anderen Verlauf als zuvor. Früher wurde keine einzige Frage gestellt. Das hatte manchmal den Charme von Einparteienversammlungen. Nicht weil das Management das so wollte, sondern hauptsächlich weil die Belegschaft nichts wagte. Heute geht es dort bunter zu als im Suk. Verbesserungsvorschläge prasseln nieder. Die Norm wird nicht akzeptiert. Entwicklungsplanung, Karrierepfade, Gehaltsaufbesserungen werden gefordert. Bei gegebenem Anlass kritisieren Teilnehmer die Geschäftsführung unverblümt. Die Meinungen über Für und Wider wogen zwischen Podium und Publikum hin und her. Frauen und junge Mitarbeiter erheben ihre Stimme, teilen neue Ideen mit oder verschaffen ihrer Unzufriedenheit Luft – alles undenkbar noch vor drei Jahren in so hierarchisch strukturierten Gesellschaften.

Ich habe so etwas weder in Deutschland, in Osteuropa noch in China, Taiwan oder gar in Japan erlebt, wo man eingeübt ist im respektvollen, teils übertrieben schonungsvollen Umgang. Vergleichbar sind die Treffen im Mittleren Osten höchstens mit der chaotischen Lebendigkeit in Indien. Zentrale Forderungen sind Teilhabe, ein besseres Leben und wirtschaftliche Perspektiven am Ort. Darin mischt sich auch ein neu geweckter nationale Überschwang, der in der politischen Arena sich zum Ruf verdichtet: „Das Volk will.“

Wir als Allianz wollen, dass unsere Töchter weltweit von lokalem Management geführt werden. Im Nahen Osten sind die Grundlagen dafür im Familiengeschäft und im Suk-Unternehmertum zu suchen. Doch es fehlen im örtlichen Universitätswesen noch die Bildungsangebote, die aus Talenten auch Experten und Spitzenmanager machen.

Das wird sich mit der Zeit regeln lassen. Wichtig ist: Das arabische Erwachen öffnet im Wirtschaftlichen glänzende Perspektiven für die Menschen, die Volkswirtschaften und auch die Unternehmen. Wir müssen den Protestbewegungen dankbar sein, dass sie so mutig, so gut organisiert und so beharrlich waren, verkrustete Strukturen wegzublasen und neue Luft zum Atmen zu schaffen.

Bruce Bowers leitet bei der Allianz SE die Bereiche Mittel- und Osteuropa sowie Naher Osten.

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