Meinung : Gastkommentar: Amerikanisiert, europäisiert

Der Autor ist Leitartikler der "Los Angeles Times"

Die USA leben von Eigeninitiative. Einen Wohlfahrtsstaat - sei es Bismarckscher, sei es sozialdemokratischer Prägung - wie in Deutschland, Schweden und den meisten anderen europäischen Staaten sucht man in den USA vergeblich. Der Mythos lebt: der Mythos vom einsamen, gegenüber jeder Staatsmacht misstrauischen Bürger, der auch gut gemeinte Vorgaben für sein Leben mit Unbehagen betrachtet, wie im Western. Steuern werden als Zumutung empfunden, Staatsausgaben als reine Verschwendung.

Dabei gibt es viele Subventionen: für die Wirtschaft, zumal im Rüstungsbereich, für Bauern, für alles Mögliche. Die Staatsausgaben werden jedes Jahr höher und höher. Es gibt Stipendien und vergünstigte Darlehen für Studenten. Das europäische Bild, in Amerika herrsche soziale Kälte, ist übertrieben. Ebenso undifferenziert ist das amerikanische Bild von Europa: ein Kontinent, der die Taugenichtse weich bettet; dessen größte Errungenschaft die guten Käsesorten für den Export in die USA sind; dessen Bürger wochenlang Ferien machen; wo die Wirtschaft stagniert, weil Energie und Anreize fehlen, damit die Menschen ihr Leben verbessern.

Zwei Nachrichten dieser Woche aus Deutschland entlarven das Klischee. Die erste: Von Studenten, die die Regelstudienzeit stark überschreiten, darf der Staat eine Studiengebühr verlangen. Die zweite: Deutschland hat das 70 Jahre alte Rabattgesetz abgeschafft; nun darf man frei über Preisnachlässe und kostenlose Draufgaben verhandeln. Langsam findet die soziale Kälte der USA ihren Weg nach Europa - aber sie verursacht bei immer weniger Menschen ein Frösteln. Zum Teil ist das der Europäischen Union zu verdanken. Sie hat den Wettbewerb deutlich erhöht. Zudem zwingt die europäische Zentralbank die Euro-Staaten zu verlässlichem Wirtschaften. Sie müssen hohe Haushaltsdefizite vermeiden und die Inflation kontrollieren.

Das entspricht der klassischen wirtschaftsliberalen Haltung, eher im Sinne der FDP als der CDU und der SPD. Geschaut wird auf die Gesundheit der Wirtschaft, weniger auf die Arbeitslosenzahlen. Eigentlich schade. Kann ein modernes Deutschland für uns Besucher attraktiver sein als das auf sich selbst bezogene, leicht muffige Land mit seinen manchmal absonderlichen, aber oft liebenswerten Eigenheiten? Als ich vor einigen Jahren in München studierte, war es schön, mit älteren Semestern zusammen zu sein. So lernte ich in einem Jahr in Deutschland viel mehr - auch im Studium, vor allem aber über das Leben - als in den ersten zwei Jahren im College in den USA. Die erfahrenen, die ewigen Studenten wussten viel und konnten dieses Wissen weitervermitteln. Das ist kein Scherz. Ob das auch gut für die Wirtschaft ist und was die Konjunktur von Studenten Mitte Dreißig hat - das ist eine andere Frage.

Erfreulich - und dies ohne Wermutstropfen wie bei der absehbaren kulturellen Verarmung des Unilebens - ist die Abschaffung des Rabattgesetzes. Das fördert das Denken, das Handeln, den Umgang mit Menschen auf der anderen Seite der Ladentheke. Eine mögliche Kehrseite darf man freilich nicht übersehen. In den USA versprechen die Autohersteller jetzt ihren Kunden, die das Feilschen zu mühsam finden, feste Preise ab Fabrik. Der Fortschritt kommt nach Deutschland, und ein Teil Amerikas sehnt sich nach der Bequemlichkeit des früheren europäischen Modells: Auch das ist Globalisierung.

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