Gastkommentar : Der Scheinriese Osama bin Laden

In der arabischen Welt spielt Al Qaida schon keine entscheidende Rolle, meint Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Und möglicherweise auch darüber hinaus bald nicht mehr.

Guido Steinberg
Guido Steinberg ist Mitglied der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Guido Steinberg ist Mitglied der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.Foto: privat

Fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2011 haben die USA nun Osama bin Laden, den weltweit meistgesuchten Terroristen, ausfindig gemacht und getötet. Während der Tod bin Ladens kurzfristig kaum Auswirkungen auf die Handlungsfähigkeit seiner Organisation Al Qaida haben wird, dürfte der Verlust des charismatischen Führers langfristig ihren Zerfall beschleunigen.

Bereits kurz nach seiner Flucht aus Afghanistan und Pakistan 2001/02 hatte bin Laden die Planung von Anschlägen seinen Gefolgsleuten übertragen. Er selbst kommunizierte in erster Linie mittels Kurieren mit der Außenwelt, um zu verhindern, mit technischen Mitteln geortet zu werden.

Nicht zuletzt dieses zurückgezogene Agieren bin Ladens bedeutet für Al Qaida zunächst, dass sein Tod ihre Handlungsfähigkeit in keiner Weise beeinträchtigt. Die wichtigen Operationschefs scheinen im pakistanischen Nord-Waziristan zu sitzen und weitgehend unbehelligt ihre Planungen für Anschläge in Pakistan, Afghanistan und Europa fortsetzen zu können.

Bin Laden hatte seit langem eine symbolische Funktion. Er war der sichtbarste Beleg dafür, dass es den USA auch Jahre nach den Anschlägen von New York und Washington nicht gelang, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Zwar liegt seine letzte Aufsehen erregende Botschaft schon Jahre zurück, doch erinnern sich viele Dschihadisten bis heute an einen ungemein charismatischen Anführer, der viele von ihnen überzeugt hatte, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Ob der so wenig heldenhafte Tod bin Ladens an dem Bild des edlen Helden kratzen wird, dürfte sich bald erweisen. In jedem Fall wird es Al Qaida nicht gelingen, eine Führungspersönlichkeit von ähnlicher Ausstrahlungskraft zu finden.

Sein Stellvertreter, der Ägypter Aiman az-Zawahiri, wird dem Saudi bin Laden als Führer der Organisation nachfolgen. Ohnehin der strategische Kopf der Organisation, hält sich auch Zawahiri in Pakistan auf und pflegte etwas engere Kontakte zur mittleren Führungsebene der Organisation. Zawahiri verfügt kaum über persönliches Charisma, so dass er zwar Al Qaida führen kann, aber keine außergewöhnliche Anziehungskraft auf potentielle Rekruten entwickeln wird. Hierzu dürften auch seine (zu) häufigen Wortmeldungen der letzten Jahre beitragen, die immer wenige Zuhörer fanden. Durchaus charismatisch ist hingegen die wichtigste religiöse Autorität in der Al-Qaida-Führung, der Libyer Abu Yahia al-Libi. Er hat sich seit seiner Flucht aus amerikanischer Gefangenschaft in Bagram bei Kabul zur bekanntesten Führungspersönlichkeit neben Zawahiri entwickelt, so dass seine Schriften und Videos von Dschihadisten in aller Welt intensiv rezipiert werden. Von einigen amerikanischen Beobachtern schon als "der neue bin Laden" identifiziert, dürfte er jedoch innerhalb von Al Qaida Probleme haben, akzeptiert zu werden. Zum einen sind Libyer immer eine Randgruppe in der stark ägyptisch dominierten Organisation gewesen, zum anderen dürfte seine dunkle Hautfarbe bei vielen Saudi-Arabern rassistische Ressentiments erwecken. Wahrscheinlich wird Al Qaida versuchen, eine neue, kollektive Führung aufzubauen, in der mehrere Personen versuchen, den Wegfall bin Ladens zu kompensieren.

Die Zukunft der Organisation hängt jedoch weniger von diesen Personen als vielmehr von den Ereignissen in den Heimatländern der Al Qaida in der arabischen Welt ab. Die politischen Protestbewegungen waren eine schwere strategische Niederlage für Al Qaida, weil auch sie immer darauf abzielte, die Regime in Ägypten, Saudi-Arabien und Algerien zu stürzen. Bei den Revolutionen in Kairo, Tunis und Benghazi spielte Al Qaida jedoch überhaupt keine Rolle. Vielmehr erreichten ihr verhasste Gegner diese Ziele: Liberale Demokraten, nicht-militante Islamisten und pro-westliche Säkularisten mussten in Ägypten und Tunis nicht einmal Gewalt anwenden, um ihre Diktatoren hinwegzufegen. Kein Wunder, dass der Terrorapostel aus dem fernen Pakistan seither politisch noch irrelevanter erscheint als vor der Zeitenwende in Nahost. Die Ereignisse zeigten, dass Al Qaida in der Politik der arabischen Welt nie eine entscheidende Rolle spielen wird. Zwar verbessern sich die Operationsbedingungen in den nunmehr stark geschwächten Staaten der Region, wie vor allem im Jemen. Doch wird es Al Qaida nicht mehr gelingen, daraus politisch Kapital zu schlagen.

Wenn Al Qaida aber politisch so irrelevant ist, kann sie auch in den letzten Jahren nicht die globale Bedrohung gewesen sein, zu der sie ein Teil der westlichen Politik und Öffentlichkeit unter dem Eindruck des 11. September erklärt haben. Sie war nie mehr als eine wenige Tausend Mann starke Truppe, die nur aufgrund der Fehler ihrer Gegner überleben konnte. Schon die Anschläge in New York und Washington wurden durch eine im Rückblick atemberaubende Kombination von Ignoranz und Arroganz bei Politik und Sicherheitskräften in den USA, Deutschland und anderen Ländern ermöglicht. Sobald das Problem erkannt und die Al Qaida entschlossen bekämpft wurde, schwand ihre Stärke. Die arabischen Revolutionäre haben bin Laden als den Scheinriesen entlarvt, der er ist: Wie im Märchen wird er kleiner, je näher man ihm kommt. Es wird Zeit, dass westliche Politik und Öffentlichkeit folgen und sich auf die wichtigeren Probleme der arabischen Welt konzentrieren. Der Terrorismus ist nur eine Folgeerscheinung von Autoritarismus, Korruption, Arbeitslosigkeit und Armut, nicht ihre Ursache. Und er ist zu managen, wenn man seine wahre Dimension erkennt.

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