Gastkommentar : Gleich macht ungleich

Die Schule muss sich den Schülern anpassen – nicht umgekehrt.

Hans Eberwein

In der Diskussion über schulpolitische Veränderungen fordern Politiker immer wieder Chancengleichheit für alle Kinder. So soll in Hessen durch ein Schulvorbereitungsjahr besonders im sprachlichen Bereich Chancengleichheit hergestellt werden. Gemeint ist damit, alle Schüler – besonders sozial benachteiligte – auf das gleiche Ausgangsniveau zu bringen und sie auf diese Weise schulfähig zu machen.

Aber genau das ist weder möglich noch eine sinnvolle pädagogische Strategie; denn Kinder kommen trotz gleichen Alters mit ganz unterschiedlichen Lernvoraussetzungen in Kindergarten und Schule. Dies hängt mit ihrer sozialen Herkunft, ihrer Entwicklung, ihrer Sozialisation, ihren lebensweltlichen Erfahrungen, ihren Bedürfnissen und Interessen zusammen. Diese Heterogenität und Vielfalt biografischer Voraussetzungen haben unterschiedliche Förderbedürfnisse zur Folge, denn Kinder können nur mit individuellen Lernanregungen angemessen gefördert werden. Das Ziel kann deshalb nicht in „Gleichmacherei“, nicht in der Herstellung gleicher Lernniveaus liegen. Dies würde zu Über- und Unterforderung, zu Desinteresse und Lernverdruss führen. Um zu erkennen, wo die Fähigkeiten, die Stärken und Schwächen des jeweiligen Schülers liegen, ist zu Beginn der Förderung eine Lernstandsanalyse notwendig. Vor

diesem Hintergrund sollten dem Schüler dann gezielt Lernangebote unterbreitet werden. Das erfordert aber, dass das Lehrpersonal in pädagogischer Diagnostik und in didaktisch-methodischer Differenzierung ausgebildet werden muss. Hier liegt eine ungelöste Aufgabe für die Lehreraus- und -fortbildung.

Es wird deutlich, dass die allgemeine Forderung von Bildungspolitikern nach Chancengleichheit das Problem unterschiedlicher Lernvoraussetzungen nicht löst, sondern verschärft; denn in der Schulwirklichkeit gibt es keinen Normalschüler, keinen Durchschnittsschüler, weil jedes Kind individuell lernfähig ist. Jedem Schüler individuelle Hilfsangebote zu garantieren, wäre die Zusicherung von Chancengerechtigkeit, nicht von Chancengleichheit.

Für Kinder aus der sozialen Unterschicht und auch für Migrantenkinder sind herkömmliche Fördermaßnahmen zumeist nicht geeignet, um sie auf ein höheres Niveau zu führen, weil schulische Inhalte mit ihren bisherigen lebensweltlichen Erfahrungen nichts gemeinsam haben. Nur wenige sozial benachteiligte Kinder schaffen es, aus ihrem bisherigen Milieu „auszubrechen“ und in eine höhere Schicht aufzusteigen. Hier versagt die traditionelle Schule, auch deshalb, weil sie schnell an Grenzen stößt, die nur mithilfe sozialpolitischer und sozialpädagogischer Maßnahmen überwunden werden könnten.

Kindern ausländischer Eltern wird die Botschaft vermittelt, dass sie sich anpassen und den Erwartungen von Schule und Lehrern entsprechen müssen. Schaffen sie das nicht, bekommen sie schlechte Noten oder werden durch Sitzenbleiben beziehungsweise Aussonderung bestraft. Dieses Verständnis von Lernen ist seit langem überholt. In einer modernen Schule müssen sich die Schüler nicht mehr der Schule anpassen, sondern Schule muss sich auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schüler einstellen und in offener, flexibler, differenzierter Form darauf reagieren. Bei sozial benachteiligten Kindern muss zuerst die Lernmotivation aufgebaut und eine behutsame Heranführung an schulisches Lernen erreicht werden. Diese Kinder haben in ihrem Leben nicht nichts gelernt, das Problem ist jedoch, dass sich Schule und Lehrer in der Regel nicht für ihre Lern- und Lebenserfahrungen interessieren und im Unterricht nicht daran anknüpfen. Auch dieser Tatbestand ist eine Frage von mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit.

Das Bemühen um Chancengleichheit, wie sie von Politikern verstanden wird, verstärkt den Anpassungsdruck sowie die Ungleichheit und führt zu falschen pädagogischen Ansätzen.

Der Autor ist ehemaliger Professor für Pädagogik an der FU Berlin.

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