Meinung : Gastkommentar: In die Ferien - und die Vergangenheit

Jacob Heilbrunn

In diesen Wochen halten es die großen Staatsmänner (und -frauen) nicht anders als die kleinen Bürger: Sie fahren in den Urlaub. Gerhard Schröder wieder nach Italien. George W. Bush nach Kennebunkport - deshalb musste der Familiensitz nach acht Clinton-Sommern wieder auf den Sicherheitsstandard für amerikanische Präsidenten gebracht werden.

Für das Image amerikanischer Politiker sind die Ferien wahrscheinlich wichtiger als für das ihrer deutschen Kollegen. Da wird generationenübergreifende Kontinuität demonstriert, Familientradition eben, nicht nur bei den Kennedys: Bush junior fährt wie weiland Daddy, als der vor Bill Clinton im Weißen Haus wohnte, hoch nach Maine - und nicht etwa auf die eigene Ranch in Texas. Ferien sind zudem die Gelegenheit, mit Golfen oder Wassersport zu beweisen, was für ein fitter Kerl der mächtigste Mann der Welt ist - oder, im Fall Bill Clinton, durch Händchenhalten, wie sehr er seine Frau doch noch liebt.

Ebert in der Badehose

In Deutschland geht es privater zu, in den Ferien drängen die Politiker weniger in die Öffentlichkeit - und die Medien müssen es respektieren. Gewiss, diese Regel wird immer mal wieder gebrochen. Das ging schon in der Weimarer Republik los. Da tauchten plötzlich Fotos von Präsident Friedrich Ebert auf, in der Badehose am Strand. Mit denen empfingen ihn die Rechtsradikalen dann am Bahnhof, als er nach München kam; sie wollten ihn damit lächerlich machen. Das kann Gerhard Schröder nicht passieren. Erstens, weil Badehosen-Fotos heute niemanden mehr kompromittieren. Und zweitens, weil dieser Kanzler sich in Italien von den Journalisten höchstens beim Genuss eines Glases Wein fotografieren lässt.

Reisen können dennoch Unerwartetes mit sich bringen. Zum Beispiel die in die Vergangenheit. Schröder hat sie jüngst mehrfach unternommen: als er seine Kusinen im Osten entdeckte. Oder als ein Foto seines Vaters als Soldat im Zweiten Weltkrieg auftauchte - was prompt zu Aufregung in den USA führte. In Amerika wiederum sind Nostalgie-Reisen außerordentlich beliebt. Wie schön war doch das Leben der Siedlerväter oder der Alltag im Wilden Westen!

Kleine Fluchten

Auch in Deutschland ändert sich die Einstellung zu Reisen in die Vergangenheit, trotz der schwierigen Geschichte. Die kleinen Fluchten vor der Vergangenheit, sei es der persönlichen oder der nationalen, nehmen ab. Kürzlich fuhr ich durch die neuen Länder - und traf auf ziemlich viele Westdeutsche, die das kulturelle Erbe entdecken möchten: Dresden, Quedlinburg, Weimar.

Die Deutschen gelten zwar als Reiseweltmeister - aber der Deutschen liebstes Urlaubsland liegt keineswegs jenseits der Grenzen. Die meisten Bürger machen in Deutschland Ferien. Wenn zu Bayerischem Wald und Bodensee, Nordsee, Schwarzwald und Allgäu die neuen Bundesländer hinzukommen - auch das ist eine Art Wiedervereinigung.

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