Gastkommentar : Kastrierte Helden im Tiergarten

"Wir grillen!" Kein WM-Abend im Garten, kein Picknick im Tiergarten, kein Klassensommerfest oder Vereinstreffen ohne diesen Ausruf, der – mir eine Gänsehaut macht.

Pascale Hugues[Le Point]

Mit den ersten schönen Tagen erleben wir eine Explosion der Freude, einen Schrei der Ekstase in den Gärten, Parks, auf den Balkonen von Berlin. Die Augen leuchten. Die Stimme tremoliert vor Begeisterung. Als würde man die Speisung der Fünftausend ankündigen. Als würde man zu einem königlichen Bankett einladen. Als wäre Weihnachten mitten im Juni.

„Wir grillen!“ Kein WM-Abend im Garten, kein Picknick im Tiergarten, kein Klassensommerfest oder Vereinstreffen ohne diesen Ausruf, der – ich wage es kaum zuzugeben, weil ich nicht als Spielverderber gelten möchte – mir eine Gänsehaut macht. Grillen … für ganz Berlin ist das ein großes Glücksversprechen. Für mich ist das eine furchterregende Drohung: der zähe Geruch von Grillkohle und Fett, der sich in der Kleidung festsetzt, in den Haaren, in der Nasenschleimhaut. Mindestens drei Tage lang kann man diese Orgie von verkohltem Fleisch nicht vergessen. Unmöglich, sich aus den undurchdringlichen Rauchgardinen zu befreien, die von den in Dreiergruppen arrangierten Würstchen aufsteigen.

Das Grillen gefährdet die harmonischen Beziehungen in der Nachbarschaft. Wie viele Gerichte müssen nicht seit den ersten sonnigen Tagen Grillstreitigkeiten schlichten. Die kleine fette Qualmwolke, die auf den Balkon der Nachbarn oben hinaufklettert, sich in ihr Schlafzimmer schlängelt, die Gardinen streift, die Teppiche, den Bettüberwurf, die Kopfkissen, die Kleider im Schrank durchdringt.

Unbequem, mit gekrümmtem Rücken, sitze ich im Schneidersitz auf dem abgewetzten Rasen im Tiergarten, balanciere vorsichtig einen Pappteller auf den Kniescheiben und beobachte mit ethnologischem Blick das ursprüngliche Vergnügen meiner Tischgenossen. Wie ein Schwarm Geier sich auf ihre Beute stürzt, so reißen sie herzhaft Fetzen aus dem blutigem Rindfleisch. Mit schmatzendem Geräusch lecken sie sich jeden einzelnen Finger ab. Alles ist erlaubt. Sämtliche Verbote der guten Erziehung werden übertreten. Man könnte sie für einen Stamm von Wilden halten, aus der Zeit vor der Erfindung von Besteck, Tischdecken und Tischmanieren. Plötzlich ergreift mich die Sehnsucht nach dem guten alten Picknick: ein Schinkensandwich, drei Tomaten, eine Tüte Chips und ein Apfel. Basta.

Aber am albernsten und interessantesten zu beobachten ist der, der den Laden schmeißt. Wie Sie wissen, gibt es immer einen Gast, der das Fest nicht genießt, sondern den Nachmittag damit zubringt, mit einer großen Zange die Rindfleischstücke und die traurig verschrumpelten Auberginenscheiben um und um zu wenden. Mit seiner Ausrüstung und seiner großen Schürze erscheint er vor den anderen. Hinten im Garten errichtet er sein Lager, schichtet die Briketts auf und bläst bis zur Erschöpfung auf die Glut. Ganz allein, isoliert vom Rest der Gesellschaft, steht er sich die Beine in den Bauch. Dieser Paria trägt eine Bermudashorts voll Fett- und Blutflecken, ein ausgeleiertes T-Shirt und einen lächerlichen Hut, der ihn vor der Sonne schützen soll. Er ist rot angelaufen und trieft vor Schweiß. Nicht sehr appetitanregend, der Herr des Grills. Vielleicht hat man ihn deshalb aus der Tafelrunde ausgeschlossen, die sich in Sommerkleidern und hellen Anzügen, ein Glas Campari in der Hand, angeregt unterhält.

Man könnte annehmen, dass der Grillchef im Sinne einer gesunden und authentischen Virilität handelt. Als Meister des Feuers wirft er das Fleisch auf die Glut. Nur dass er die Lämmer nicht mit eigenen Händen geschlachtet, das Wild nicht im Unterholz gejagt hat. Als kastrierter Held der modernen Zeiten hat er sein Fleisch in der Tiefkühltruhe bei Aldi gesucht.

Allerdings ist das Grillen ein gefährlicher Sport. In diesem Land passieren beim Grillen alljährlich 4000 Unfälle. 500 enden mit schweren Verbrennungen. Der Herr des Grills ist in unserer Zeit der letzte echte Mann. Er bewacht die letzte uneinnehmbare Festung des starken Geschlechts.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke. Eine Sammlung der „Mon Berlin“-Kolumnen ist unter dem Titel „In den Vorgärten blüht Voltaire“ beim Rowohlt Verlag erschienen.

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