Meinung : Gastkommentar: London erleben, Berlin lieben

Die Autorin schreibt für das französisch

Metropole! Die Neu-Berliner scheinen nur dieses eine Wort zu kennen. Seit zehn Jahren versuchen sie verzweifelt, den Olymp der "wahren Städte" zu besteigen. Im Gepäck haben sie eine Menge Vergleichszahlen. "Berlin ist acht Mal größer als Paris!", "Berlin steht in der Übernachtungsstatistik gleich hinter London, Paris und Rom!", "Berlin bietet wie kaum eine andere Stadt zu jeder Jahreszeit eine unerschöpfliche Fülle von Ereignissen!" Wenn man ihnen zuhört, könnte man fast selbst an dieses emphatische Selbstporträt glauben.

Aber man muss nur einmal drei Tage in London verbringen, um zu erleben, wie Berlin auf einmal zusammenschrumpft zu einer kleinen Provinzstadt. Man staunt, wie der Fluss der Autos und Doppeldecker die Oxford Street verstopft. Wie SoHo noch spät in der Nacht vibriert. Wie die strahlende Moderne sich mit der Architektur des Empires verträgt. Wie die Tate Modern und die Kathedrale Saint Paul am gegenüberliegenden Ufer der Themse sich tief in die Augen schauen.

London, wo eine Espresso-Bar mit minimalistischem Dekor neben einem dunklen viktorianischen Pub mit biergetränkten Teppichböden sprießt. Wo man eine Stunde braucht, um aus dem quirligen Zentrum nach Hause zu fahren in irgendeine ferne Vorstadt. Wo the tube sich zu den Stoßzeiten in eine wahre Sauna verwandelt und wo die Wohnungen so unverschämt teuer sind. Wo es Sikh-Taxifahrer gibt und pakistanische Lebensmittelhändler, wo die Mode "ethnisch" ist und Notting Hill jamaikanisch. Wo die Bettler sich für die Nacht unter den schicken Arkaden zusammenrollen und dann ganz plötzlich eine alte Dame mit einem wunderbar lächerlichen Hut auftaucht, als käme sie aus einer anderen Epoche. All diese Vielfalt, dieser Rhythmus, dieser Lärm, diese Größe, das kann einem ganz schön den Kopf verdrehen ... London, auch wenn es den Neu-Berlinern missfallen mag, ist eine wahre Metropole.

Aber wenn dann das Flugzeug wieder auf unserem Miniatur-Airport Tegel landet, von dem aus es keine Direktflüge in die Vereinigten Staaten gibt ... Wenn das Taxi um elf Uhr abends durch das verschlafene Charlottenburg kreuzt, wenn der Fahrer sich beklagt über den "stressigen Moloch", in den sich Berlin seit dem Mauerfall verwandelt hat; wenn mein Sohn morgens den Vorhang zur Seite schiebt und sieht, dass unser ganzes schönes, ruhiges Viertel im Schnee versinkt, und ruft: "Guck mal! Das ist ja wie in der Schweiz", und wenn wir uns versprechen, dass wir Schlittenfahren gehen mitten in der Stadt - dann sage ich mir, dass die Neu-Berliner ganz schön Glück haben, dass sie sind, was sie sind. Und dass sie aufhören sollten, London, Paris oder eine andere Stadt nachzuäffen.

Denn das ist ein großes Privileg der Berliner: dass sie hier dieses menschliche Provinzleben führen können, wissend, dass sie mitten zwischen Baustellen in einer unvollendeten Stadt leben, die gerade erst zusammenwächst. Vielleicht ist Berlin keine Metropole. Aber es ist eine der aufregendsten Städte Europas. Also, warum vergessen wir nicht einfach London?

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