Gastkommentar : Margaret Thatcher ist an allem schuld

Die gesellschaftliche Fehlentwicklung hat mit Margaret Thatcher begonnen. Jetzt wird der Preis für ihren neoliberalen Weckruf - es gibt nur den Einzelnen und den Staat - sichtbar.

Alexander Gauland

Manchmal bündeln sich tektonische gesellschaftliche Verwerfungen in einem symbolischen Akt, der dann das Maß der Veränderungen oder Zerstörungen aufdeckt. Der Rücktritt oder besser gesagt der Sturz des Speakers, der Verkörperung der Souveränität des britischen Unterhauses, zum ersten Mal seit 1695 ist nicht nur die Folge persönlichen Versagens, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung, die mit Margaret Thatcher begonnen hat. Auch in Deutschland war es bis zur Finanzkrise unter Christdemokraten und Liberalen üblich, das hohe Lob der Eisernen Lady zu singen. Sie hat das Land aufgeräumt, umgekrempelt und die Gewerkschaften entmachtet, was auch Angela Merkel gerne zur Nachahmung empfohlen wurde.

Jetzt wird der Preis sichtbar, den das Land für ihren neoliberalen Weckruf – es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur den Einzelnen und den Staat – zu entrichten hat. Aus der Mutter der Parlamente ist ein schäbiger Selbstbedienungsladen geworden, getreu dem von einem Franzosen, Guizot, stammenden Motto: Bereichert euch! Doch das wollte ja die Dame mit der Handtasche. Auf diesem Weg hat sie nicht nur die Gewerkschaften, sondern auch die Industrie ruiniert. Die einstige Seemacht England kann die Reste ihrer Flotte nicht mehr im Lande ausrüsten und die berühmten Marken der Autoindustrie sind entweder tot oder in ausländischer Hand wie Mini und Jaguar. Was für die Autoindustrie gilt, gilt cum grano salis für die gesamte industrielle Basis des Landes einschließlich seiner verrotteten Eisenbahnen. Die einstige Werkstatt der Welt ist zur Zockerbude verkommen, in der die meisten Arbeitsplätze am Londoner Finanzzentrum hängen, was bedeutet, dass nichts mehr geht, wenn dieses falliert.

Schon reden manche vom Staatsbankrott, fallen Pfund- und Immobilienpreise in immer tiefere Keller. Wie hieß es damals so bildkräftig: The lady is not for turning – auch die Nachfolger waren es nicht. Und so wurde erst das patrizische Element aus der Tory-Partei und anschließend die Arbeiterklasse aus Labour verdrängt. Das Ergebnis jener offiziell gewollten Wettbewerbsgesellschaft sind die Verfehlungen des Speakers und seiner parlamentarischen Hintersassen. Armes England!

Nie, seit der neue indische Reichtum in den 80er und 90er Jahren des 18. Jahrhunderts Edmund Burke zu seinem leidenschaftlichen Kampf gegen die Korruption des Parlaments durch die neureichen Nabobs herausforderte, war das Ansehen der Volksvertretung so gering. Doch im Unterschied zu damals sind die Pitt, Fox und Burke heute nicht zu sehen, die das Ansehen des Unterhauses wiederherstellen könnten. Offensichtlich gilt auch hier, dass die Demokratie von Voraussetzungen lebt, die sie nicht selbst erneuern kann. Für ein Standbild mit Handtasche in St. Pauls dürfte es nun kaum noch reichen.

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