Gastkommentar : Wenn ihr die Bilder sehen wollt, geht doch rüber …

Drei Beispiele belegen: (Westdeutsche) Kuratoren mauern gegen die Kunst von "drüben".

Robert Leicht

Im Vorfeld des 20. Jahrestags des Mauerfalls wird mir viel zu oft die fortbestehende „Mauer in den Köpfen“ beschworen – als ob sich dieses Wunder der Geschichte durch die verbleibenden Probleme und enttäuschten Erwartungen verdunkeln ließe. Man kommt sich oft vor wie Mose, der sein Volk auf dem Weg ins verheißene Land nur murren hört. Wobei wir selber, nach menschlichem Vermögen, dort schon längst angekommen sind: Deutschland – endlich in Freiheit und in Frieden mit all seinen Nachbarn!

Nun muss ich mich aber selber im Verlauf dieses Jubeljahres über eine besondere Mauer in Köpfen ärgern, in denen ich sie am wenigsten vermutet hätte. Dass es dort, wo es um Macht und ums Materielle geht, zupackende Kriegs-, pardon: Friedensgewinnler gab, dass „Freiheit für die Ostdeutschen“ zu oft „Eigentum für die Westdeutschen“ hieß, damit konnte – wer zu rechnen gelernt hatte – rechnen. Aber dass es eine Mauer auf dem Feld der Künste geben könnte, also dort, wo Sensibilität und Fantasie ihren utopischen Ort haben – ist das nicht widersinnig?

Erstes Beispiel: Im Mai und Juni wurde in Berlin die Ausstellung „60 Jahre, 60 Werke“ gezeigt – über sozusagen die Kunst unter dem Grundgesetz. Maler aus der vormaligen DDR, etwa die drei Großen der „Leipziger Schule“ wurden mit ihrem Hauptkorpus nicht gezeigt, da sie vor 1989 ja nicht „unter dem Grundgesetz“ gemalt hatten; gerade noch Wolfgang Mattheuer war mit einem Bild vertreten, das freilich erst nach 1989, also „grundgesetzkonform“, gemalt worden war. Diese Ausgrenzung wirkte so verrückt, als wollte man eine Retrospektive auf das deutsche Chanson nach 1949 veranstalten und jene Lieder Wolf Biermanns wegblenden, die vor der Ausweisung aus der DDR seinen Ruhm begründet haben. Dabei war der westdeutsche Alleinvertretungsanspruch, der hier restlos pervertiert wurde, ursprünglich – und grundgesetzlich – so verstanden worden, dass wir für unsere „Brüder und Schwestern“ mitdenken und -handeln. Und sie für uns.

Zweites Beispiel: In diesem Jahr wäre Werner Tübke, einer dieser großen „Leipziger“, 80 Jahre alt geworden. Aber was taten die Berliner Museen? Sie mauerten und weigerten sich, eine Retrospektive zu zeigen. Der scheidende Direktor der Nationalgalerie verwies auf seinen Nachfolger, der neue darauf, dass alles schon zu spät sei. Man möchte schon wissen, weshalb die geballte (offenbar immer noch: West-)Berliner Kuratorenmacht die ostdeutsche Kunst derart schnöde schneidet; und sich vor der Welt lächerlich macht: Wenn ihr die Bilder sehen wollt, geht doch rüber … Zum Beispiel nach Leipzig.

Drittes Beispiel: Dieser Tage erzählt einer der wichtigen Berliner Dirigenten, er habe bei der Vorbereitung des repräsentativen Konzertgeschehens zum 9. November, 20 Jahre nach dem Mauerfall, vorgeschlagen, dann müsse doch auch das Werk eines ostdeutschen Komponisten mit ins Programm. Nichts da!, wurde er erst einmal abgebürstet.

Dies alles mögen Einzelfälle sein – und zudem Berliner Provinzialitäten. Der normale Leser greift ja ziemlich begeistert zu Büchern ostdeutscher Autoren. Aber dort, wo Kuratoren und Funktionäre des Kunstbetriebs herrschen, geht es offenbar zuweilen genauso zu, wie man es sonst nur von ganz gewöhnlichen Macht- und Geld-Menschen erwartet – immer nur der eigenen Nase nach.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben