Gedenken an den Holocaust : Nicht nur am Rande

Die deutsche Bundeskanzlerin hat am Holocaustgedenktag in bemerkenswerter Deutlichkeit thematisiert, dass Antisemitismus heute in der Bundesrepublik nicht nur ein Phänomen politischer Randgruppen, sondern bis in die Mitte der Gesellschaft latent und auch unverhohlen vorhanden ist.

Gerd Appenzeller

Angela Merkel hat so mit einer der deutschen Lebenslügen aufgeräumt, wonach Rassismus und Judenfeindlichkeit ganz überwiegend in rechten oder linken Extremgruppen zu finden seien. Ob sie sich da in der Tendenz mit dem Bundestagspräsidenten abgestimmt hatte oder ob beide unabhängig voneinander durch die steigende Zahl krimineller Delikte gegen Ausländer und jüdische Kultstätten alarmiert waren, steht dahin. Auch Norbert Lammert warnte bei der Gedenkstunde des Parlamentes, die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten vor 75 Jahren sei weder ein Betriebsunfall der deutschen Geschichte noch eine Zwangsläufigkeit gewesen – und die Deutschen alles andere als gefeit gegen solche Verirrungen.

Die bürgerliche Form des Antisemitismus, wie Frau Merkel es nannte, tarnt sich nicht nur hinter einer Ablehnung der israelischen Politik. Beispiele gibt es genug. Der Freidemokrat Jürgen Möllemann bestritt einen Bundestagswahlkampf mit einem Flugblatt, das in weiten Teilen der Öffentlichkeit als antisemitisch empfunden wurde. Ein führender deutscher Wirtschaftsvertreter bezeichnete vor Jahren einen anderen abfällig als „ein Jude“. Unbestreitbar ist auch, dass der Anti-Israelismus in arabischen Migrationskreisen als Verstärker ähnlicher deutscher Ressentiments wirkt. Das ist ein schleichender Prozess. Das eigentlich Bestürzende daran ist, dass diese Äußerungen nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand erfolgen, sondern ganz offen fallen. Nein, Norbert Lammert hat leider nur allzu recht: Gegen Wiederholungen sind wir nicht gefeit.

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