Gefallen in Afghanistan : Die Armee des Parlaments

Vor einer Woche drei gefallene Soldaten, jetzt vier Tote. Die Angriffe der Taliban im werden durch immer mehr Kräfte vorgetragen. Sich der lebensbedrohenden Gefahr durch Abzug zu entziehen, wie das in Teilen der Opposition empfohlen wird, wäre aber kein Ausweg.

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Manchmal werden die scharfsinnigsten theoretischen Erwägungen dessen, was sein darf und was nicht, durch die Realität brutal in ihrer ganzen Wirklichkeitsfremde entlarvt. Ob man die Kämpfe in Afghanistan Krieg nennt oder „nicht internationalen bewaffneten Konflikt“, ob Oberst Georg Klein im vergangenen September die Tanklastzüge auf einer Sandbank im Kundusfluss hatte bombardieren lassen dürfen oder nicht, das sind, angesichts der neuerlichen Todesopfer unter deutschen Soldaten, typische Diskussionen ganz weit weg von der Front – vorne wird gestorben, hinten wird debattiert.

Vor einer Woche drei gefallene Soldaten, jetzt vier Tote. Die Angriffe der Taliban im afghanischen Norden werden immer besser vorbereitet und durch immer mehr Kräfte vorgetragen. Sich der lebensbedrohenden Gefahr durch Abzug zu entziehen, wie das in Teilen der Opposition empfohlen wird, wäre kein Ausweg. Die Gewalt ist ja nicht, wie von der deutschen Linken behauptet wird, durch die Nato-Truppen nach Afghanistan hineingetragen worden. Ihr Zurückweichen könnte die Gewalt also nicht beenden. Diese würde sich aber in andere Länder und andere Weltregionen ausdehnen.

Genau das hatte der frühere sozialdemokratische Verteidigungsminister Peter Struck gemeint, als er im Dezember 2002 erstmals die Formulierung benutzte, Deutschlands Freiheit würde auch am Hindukusch verteidigt. Die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington waren durch islamistische Terroristen vorbereitet worden, die ihre Ausbildungslager und Rückzugsregionen im von Taliban beherrschten Afghanistan hatten. Strucks Wortwahl von der Verteidigung der deutschen Freiheit dort ist auch deshalb immer noch richtig, weil Verteidigung nur nötig wird, wo man vorher angegriffen worden ist. Genau das geschah, als die entführten Passagiermaschinen in die Türme des World Trade Center gelenkt wurden.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat ein sicheres Gespür dafür, welche Gesten jetzt wichtiger sind als markige Worte. Die Bundeskanzlerin gab mit ihrer Rede bei der Trauerfeier im niedersächsischen Selsingen in der vergangenen Woche zu erkennen, dass sie ebenfalls die emotionale, die tragische Dimension des Geschehens begriffen hat. Guttenbergs Entscheidung, nun sofort nach Bekanntwerden der neuen Todesfälle nach Afghanistan zurückzukehren, war das Signal, das die deutschen Soldaten in Kundus jetzt brauchen – so nötig brauchen wie die Vergewisserung, nicht in einen Krieg verwickelt zu sein, vor dem die Landsleute in der Heimat am liebsten die Augen verschließen würden.

Die Bundeswehr kann nicht verlangen, dass die Politik gegenüber den Problemen des militärischen Engagements in Afghanistan blind ist. Aber sie hat sehr wohl ein Recht darauf, von der Politik nicht so behandelt zu werden, als würden die eigentlichen Risiken in Afghanistan von den Politikern in Berlin kompetenter bewertet als von den Soldaten vor Ort.

Am kommenden Montag wird der Verteidigungsausschuss des Bundestages gemeinsam mit dem Auswärtigen Ausschuss unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagen. Die Abgeordneten werden dabei den Oberkommandierenden der westlichen Truppen in Afghanistan, General McChrystal, zu Gast haben. Die Sitzung war schon länger geplant. Sie könnte jetzt aber, nach den neuen Todesfällen, ein Zeichen setzen – das Zeichen, dass das Parlament über alle Parteigrenzen hinweg zu seiner Armee steht.

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