Meinung : Gefragt wie nie

Stephan-Andreas Casdorff

Die Amerikaner sind in Afghanistan gelandet, das Militär rückt vor. Alle Augen richten sich darauf - zu Unrecht. Denn gleichzeitig, als folgten sie einem Masterplan, kommen diplomatische Gespräche in der Region voran. Es gibt kein Abweichen von diesem Doppelbeschluss der neuen Art. Und wie nötig politische Offensiven sind, zeigt der Seitenblick auf den Nahen Osten. Dort zeigen sich Aufgaben für die neue Allianz, und es wird klar, welche den Deutschen zunehmend übertragen wird: Vorsorge und Nachsorge.

Mit ihrem Bekenntnis zur Solidarität hat sich die rot-grüne Bundesregierung offenkundig so viel Vertrauen der US-Führung erkämpft, dass deren Außenminister Colin Powell und der deutsche Amtskollege Joschka Fischer ein Gespann für die Zukunft bilden könnten. Das gilt, erstens, für die hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft nötige Nachsorge in Afghanistan. Da haben die Deutschen als Fachleute für Friedenssicherung und humanitäre Hilfe schon jetzt absehbar eine bedeutende Funktion. Die Überlegung stützt sich auch darauf, dass in den UN der deutsche Vertreter seit geraumer Zeit den Vorsitz der Afghanistan-Gruppe führt, die regelmäßig die Probleme des Landes berät.

Powell und Fischer obliegt es aber offensichtlich darüber hinaus, in der Nahost-Krise einzugreifen. Das hat George Bush Bundeskanzler Gerhard Schröder bei dessen Kurzvisite in Washington schon angekündigt, wo der amerikanische Präsident Fischers Einsatz ausdrücklich würdigte. Und ihn zu weiterem aufforderte. Die Arbeitsteilung kann sich künftig dementsprechend darstellen: Powell wirkt mäßigend auf die Israelis ein, zur Not auch drohend, Fischer ermunternd auf die Palästinenser, zur Not an die Zuwendungen der EU erinnernd. Und Fischer kann im Falle, dass es eilt, schnell auch Israel als Emissär besuchen. Zumindest bei Schimon Peres hat er einen guten Stand.

Was bisher zu fehlen schien, war ein übergeordnetes Konzept, das helfen könnte, die allseits gewünschten Fortschritte bei der Annäherung zwischen den ewigen Konfliktparteien dauerhaft zu sichern. Nun ist es sichtbar, öffentlich propagiert vom deutschen Parlamentspräsidenten Wolfgang Thierse: eine ständige Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit, wie sie in Europa die letzten Jahrzehnte erfolgreich gearbeitet hat. Die Erfahrungen von Hans-Dietrich Genscher sprechen sehr dafür, und dass die Idee schon früh von Jürgen Möllemann ins Gespräch gebracht worden ist, spricht nicht dagegen. Genscher kann den seinerzeit maßgeblich von ihm am Leben erhaltenen KSZE-Prozess als einen wichtigen Faktor für das Überwinden der europäischen Teilung anführen; Möllemann sieht darin aus seiner Kenntnis der Araber eine Chance, die Staaten der Region an den Verhandlungstisch zu bringen.

Vor dem geschichtlichen Hintergrund ist jedenfalls ein Deutscher als treibende Kraft willkommen. Und manche sagen doch schon, dass Fischer auf Genschers Spuren wandle. Allerdings kommt er inzwischen bei den Amerikanern besser an.

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