Meinung : Geld her oder Leben

Assistenzärzte verdienen zu wenig. Schuld ist auch das Gehaltsgefälle in den Kliniken

Rainer Woratschka

Ihre Kunst entscheidet über Leben und Tod, und sie werden ausgebeutet nach Strich und Faden: Junge Medizinstudenten, die von der Universität ins Krankenhaus wechseln, erleben dort oft ihr blaues Wunder. Hierarchien wie im Wilhelminismus, Marathondienste über Nächte und Wochenenden hinweg, dabei eine Bezahlung wie ein Lehrer, der sich manchmal schon um 13 Uhr in den Mittagsschlaf verabschieden darf.

Die Proteste frustrierter Klinikärzte haben ihre Berechtigung. Allerdings sollten sie sich auch gegen die eigene Standesvertretung richten. Denn um dem Ruf nach mehr Geld und besseren Arbeitsbedingungen uneingeschränkt Beifall zu zollen, hätte es schon einer kleinen Differenzierung bedurft: Die Gehälter deutscher Ober- und Chefärzte sind im internationalen Vergleich keineswegs „erbärmlich“. Und dass die Halbgötter ihre Nächte auf durchgelegenen Pritschen der Notambulanz verbringen müssten, ist auch nicht bekannt.

Das System ist ungerecht, sagt Regierungsberater Karl Lauterbach. Denn wer privat abrechnen darf, sahnt ab (manchmal gar ohne den Patienten zu Gesicht bekommen zu haben). Und wer die Hauptarbeit in OP-Saal und Krankenzimmer verrichtet, kommt auf keinen grünen Zweig. Da hilft es kaum, dass der schlechteste Posten im Klinikbetrieb, der „Arzt im Praktikum“, endlich abgeschafft ist. Die Assistenzärzte sind nun das Klinikproletariat und die Dummen. Übrigens auch jetzt, nach der Kündigung des Tarifvertrags durch die Länder. Mehr arbeiten und auf Weihnachts- wie Urlaubsgeld verzichten sollen die Neueinsteiger. Und die, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln müssen.

Wären die Einkommen besser oder, sagen wir, besser verteilt, könnte sich auch eher etwas an der unerträglichen Überstundenklopperei in den Kliniken ändern. Doch so schließt sich der Kreis. Wer wenig verdient und es körperlich einigermaßen verkraftet, hat wenig Interesse an kürzeren Arbeitszeiten. So lässt sich nicht wirklich Druck aufbauen. Und der Kassenpatient, der dem übermüdeten Arzt unters Messer gerät, muss froh sein, dass ihm überhaupt einer hilft.

Mit Hilfe besorgter Patienten lässt sich, so mögen manche meinen, bei Protesten einiges herausschlagen. Doch Politik und Beitragszahler bloß um mehr Geld anzubetteln, ist wohlfeil. Erst sollten die Funktionäre ihre Hausaufgaben machen. Die auseinander klaffenden Gehälter in den Kliniken sind ein Problem, das dringend angepackt werden muss. Ebenso das nicht zeitgemäße Hierarchiegefälle. Und auch die Klage über Bürokratieauswüchse hat mit der selbst zu verantwortenden Schieflage in vielen Häusern zu tun. Bei gedrückten und unterbezahlten Assistenzärzten ist natürlich die Versuchung größer, sich die Verwaltungsangestellten zu sparen, die ihnen beim Formularkram zur Hand gehen.

Die Schere zwischen arm und reich, zwischen privilegiert und angeschmiert öffnet sich hier zu Lande immer stärker. Kaum zu erwarten, dass das in den Krankenhäusern anders ist oder wird als in der restlichen Gesellschaft. Bloß: Wenn der Arztberuf so unattraktiv geworden ist, dass sich keiner diesen Tort mehr antut, wenn Ausland und Forschung mehr locken als der Job im Klinikum, dann bekommen wir alle ein Problem. Denn jeder ist irgendwann einmal Patient.

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