Meinung : Gentechnik-Debatte: Rohstoff Leben

Zehn Wochen lang hatten alle anderen Fragen Pause. An Stamm- und Bistrotischen, in Redaktionen und in der Regierung gab es seit dem 11. September nur ein Thema, den Kampf gegen den Terror. Erst jetzt, da der Krieg in Afghanistan sich einem - vorläufigen - Ende zuneigt und auch die rot-grüne Regierung wieder stabil ist, kommt hinter dem Wichtigen das Wesentliche wieder hervor: die Debatte über die Gentechnik.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Die westliche, christliche Kultur fühlt sich durch den Islamismus von außen herausgefordert und fordert sich zugleich selbst im Innersten heraus. Die plakative Nachricht vom geklonten Menschen wirkt wie eine Erinnerung daran, dass politische Entscheidungen anstehen, weil sonst die Wissenschaft einfach ihrer Wege geht und unsere Kultur revolutioniert, während wir anderweitig beschäftigt sind. In Deutschland hat nun der Ethikrat ein Votum zum Import embryonaler Stammzellen abgegeben. Die Mehrheit des Gremiums spricht sich dafür aus, dass solche Stammzellen drei Jahre lang importiert werden dürfen, die Minderheit möchte dagegen ein dreijähriges Moratorium. Dass sich der Ethikrat mit 14 Stimmen dafür und mit acht dagegen ausgesprochen hat, verwundert wenig. Immerhin hat der gentechnikfreundliche Kanzler den Rat selbst handverlesen. Über die Mehrheitsverhältnisse im Parlament und in der Bevölkerung sagt das noch nichts.

Dafür zeigen Mehrheits- und Minderheitenvotum, wie ein Kompromiss aussehen könnte. Was bei einer Frage, bei der es eigentlich keine Kompromisse geben kann, schon viel ist. Für die einen sind embryonale Zellen beginnendes menschliches Leben, für die anderen Rohstoff der Forschung. Da führt philosophisch kein Weg vom einen zum anderen. Politisch vielleicht doch: Die Befürworter eines Imports argumentieren vor allem mit dem möglichen Nutzen für die Forschung. Das allein kann jedoch kein Grund sein, weil man mit Heilungsutopien alles legitimieren kann. Also fügen sie als Beschränkung hinzu, die importierten Zellen dürften nur von solchen Embryonen stammen, die ohnehin todgeweiht seien, weil sie bei künstlicher Befruchtung übrig geblieben sind. Die Importgegner befürchten mit gutem Grund, dass so ein schwunghafter Handel mit Embryonen entsteht, ein Markt für "Menschenmaterial".

Ein Weg, der beiden Seiten gangbar erscheinen könnte, ist der amerikanische. George W. Bush hat nach langem, gut inszeniertem Nachdenken entschieden, dass nur die Forschung an schon vorhandenen, ohne neue Embryonen beliebig reproduzierbaren Stammzelllinien staatlich gefördert werden darf. Dieser Beschluss ist klug, weil er dem Vernutzen von Embryonen einen Riegel vorschiebt und zugleich das Weiterforschen ohne allzu starke Beschränkungen erlaubt. Der deutsche Weg könnte darin bestehen, diese Philosophie in Gesetzesform zu bringen.

Kommt es auf solche feinziselierten Kompromisse überhaupt noch an, wenn andernorts schon geklont wird? Ja, gerade dann. Wenn erstmals Menschen geklont werden, dann ist das philosophisch und historisch ein Einschnitt. Die entscheidende Frage ist jedoch nicht philosophischer Natur, sondern kultureller: Inwieweit darf und soll die Gentechnik unser Selbstverständnis von der Unantastbarkeit des Menschen unterwandern? Wenn wir uns daran gewöhnen, dass Embryonen nur Material sind und dass sie nach Optimierungskriterien selektiert werden, dann schauen wir einander irgendwann anders in die Augen.

Darum geht es bei allen politischen Entscheidungen über die Gentechnik: am Fundament unseres Menschenbildes und unserer Verfassung möglichst wenig zu ändern, und wenn überhaupt, dann möglichst langsam. Weltanschaulich ist es ziemlich gleichgültig, ob ein Embryo geklont wird oder 1000, ob es heute geschieht oder erst übermorgen. Gesellschaftlich und politisch ist beides entscheidend. Man darf den Veränderungsdruck auf unsere Gesellschaft in fundamentalen Fragen nicht beliebig erhöhen. Sonst erzeugt man den Eindruck, dass die Fundamente nur über Fundamentalismen zu retten sind. Das wäre kein gutes Signal nach innen. Und nach außen. Womit wir doch wieder beim 11. September wären.

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