German Krisenangst : Schön geschenkt

Eigentlich waren alle Voraussetzungen für ein echtes Krisenweihnachten gegeben. Doch mitten in die düstersten Erwartungen hinein schenken sich die Deutschen die Lage schön. Für so viel trotzigen Optimismus sind die Deutschen eher nicht bekannt. Warum bricht sie diesmal nicht aus, die "German Angst"?

Lorenz Maroldt

Eigentlich waren alle Voraussetzungen für ein echtes Krisenweihnachten gegeben. Doch mitten in die düstersten Erwartungen hinein schenken sich die Deutschen die Lage schön. Anstatt auszuspannen und Kraft zu schöpfen für eine schwierige Zeit, wie es die Kanzlerin empfahl, verausgaben sich die Menschen in den Geschäften genauso wie in den erfolgreichen Jahren zuvor. Ein Weihnachtswunder der etwas anderen Art, hatten doch just in diesen Tagen Wirtschaftsexperten vor der schlimmsten Rezession seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewarnt. Aber in den Weihnachtsmessen hat, durchaus Bezug nehmend auf das wirtschaftliche Raunen und Bangen, die Kunde „Fürchtet Euch nicht“ ihren frohen Ton behalten; auch ist die Kollekte, wie alle Jahre wieder, „Brot für die Welt“ zugedacht, nicht der darbenden Automobilindustrie. Und draußen ruft uns der Präsident mutig zu: Wir werden es schon schaffen. Na dann.

Für so viel trotzigen Optimismus sind die Deutschen – mal abgesehen von den Rheinländern – eher nicht bekannt. Hier wird doch sonst lieber in Schwarz gemalt, ob es nun um die Vogelgrippe oder Rinderwahnsinn, die Klimakatastrophe, den atomaren Supergau oder das Waldsterben geht. Warum also bricht sie diesmal nicht aus, die „German Angst“, über die sich alle Welt gerne lustig macht? Die Umstände dafür sind ja wohl gegeben: Riesendimension, schwer durchschaubare Mechanismen, unheimliche Folgen. Doch die Leute kaufen die Krise kleiner als sie jetzt schon wäre, wenn alle voller Furcht auf ihrem Geld sitzen blieben. Aus volkswirtschaftlicher Sicht erscheint das verblüffend vernünftig.

Es hilft dabei durchaus, dass die Deutschen verhältnismäßig viel gespart haben in den vergangenen Jahren, dass die Inflation niedrig ist und Benzin viel weniger kostet als noch vor kurzem. Es ist also, trotz allem, noch einiges zur Verfügung. Dazu kommt der Eindruck, dass die Regierungen dieser Welt das Schlimmste schon noch verhindern werden; die Rettungspakete waren ja schnell gefüllt; über die Transportkosten, die erst später fällig sind, wird wenig gesprochen. Dann gibt es noch das beruhigende Gefühl, dass die Schuldigen schon gefasst sind, von Bischöfen und Bundesministern gleichermaßen gegeißelt. Sie heißen alle irgendwie Ackermann, das macht es einfacher.

Ein Teil des gerade spürbaren fröhlichen Fatalismus ist aber auch zurückzuführen auf die befreiende Erkenntnis, dass es durchaus ein Gewinn sein kann, auf eine angeblich absolut sichere Anlage auch mal zu verzichten. Eine kleine Rechnung, die derzeit kursiert und mit viel Schadenfreude weitergetragen wird, macht dies deutlich: Wer vor anderthalb Jahren für 1158 Euro Aktien einer bestimmten großen deutschen Bank gekauft hat, musste die ganze Zeit fallende Kurse ertragen und bekommt heute dafür gerade noch 215 Euro. Wer für dieselbe Summe nur Bier gekauft hat, konnte sich dagegen anderthalb Jahre lang jede Woche über einen frischen Kasten freuen, hat, wenn es eine bestimmte deutsche Marke war, nebenbei den Regenwald gerettet und heute noch Leergut übrig im Wert von 225 Euro.

Die nette Geschichte könnte für manchen allerdings noch eine zynische Pointe bekommen. Aus Japan wird gerade gemeldet, dass die Industrieproduktion dramatisch eingebrochen ist. Massenarbeitslosigkeit ist die Folge. Auch deutsche Autos lagen eher selten unterm Weihnachtsbaum. Nicht alles lässt sich schöner trinken.

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