Meinung : Gesundheit: Gute Daten, schlechte Daten

Christoph von Marschall

Erinnert sich noch jemand an den Protest gegen die erste Volkszählung, die Karlsruhe 1983 stoppte? An die Einführung des maschinenlesbaren Personalsausweises und den Boykott der unter Auflagen genehmigten Volkszählung 1987? Wer damals zu den kritischen Bürgern gehören wollte, verweigerte sich. Datensammeln war schlecht, Datenschutz gut. Man hatte "1984" im Blick - Orwells Überwachungsstaat, nun mit Rasterfahndung und Bewegungsdiagrammen.

Heute ist Deutschland ganz anders. 70 Prozent der Bürger haben ein Handy - ohne sich Sorgen zu machen, dass die privaten Telefonfirmen Bewegungsdiagramme erstellen können: ohne Kontrolle durch öffentlich bestellte Datenschutzbeauftragte. Man freut sich, wenn es heißt, dank des Satellitenortungssystems würden gestohlene Luxusautos gefunden - und die Versicherungsprämien sinken. Und wer ist schon gegen Videoüberwachung öffentlicher Plätze, wenn es dort zu Überfällen auf Ausländer kommt? Da darf dann auch die Gesundheitsministerin einen Medikamentenpass für alle vorschlagen, der elektronisch speichert, welche Arzneien ein Mensch verschrieben bekommt.

Von wegen, das Land habe sich verändert. Es ist sich treu geblieben. Der Datenschutz hat keinen festen Stellenwert. Seine Bedeutung wird vom Affekt gesteuert. Wird allgemein über neue Chipkarten und Dateien diskutiert, die Verwaltung und staatliche Zukunftsplanung erleichtern - also Milliarden sparen -, siegen Skepsis und datenrechtliche Bedenken. Nach einem Ereignis, das Emotionen weckt, dreht sich die Stimmung.

Was Ulla Schmidt anregt, ermöglicht viel schlimmeren Missbrauch als alles, was bei der computerlesbaren Chipkarte zur Krankenversicherung verhindert wurde. Wenn jeder Apotheker und jede Arzthelferin in der Praxis über die elektronische Patientenakte Zugriff auf die Medikamentierung und damit auf Schlüsseldaten zur Gesundheit eines Menschen hat - wie lange dauert es wohl, bis Lebensversicherer und andere Interessierte sich die gegen Entgelt zu verschaffen versuchen? Heute werden zu ähnlichen Zwecken teure Privatdetekteien beauftragt.

Ein Vorschlag im Affekt. Wegen der Empörung über Lipobay-Opfer. Diese Vorbeugung ist einfacher zu haben, mit einem geradezu archaischen Mittel: Durch ein Gespräch von Arzt und Patient, was der bereits einnimmt - bevor ein Medikament verschrieben wird.

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