Gewalt : Erziehung auf der Straße

Machokultur als Vorbild: Immer mehr Jugendliche in Städten werden zu Schlägern, weil sie sonst keine Anerkennung zu erwarten haben. Die Subkultur der Gleichgesinnten ist für sie der einzig verbliebene Ort, sich Respekt zu verschaffen.

Michael Schmidt

Das Klima wird rauer. Abziehen, prügeln, drohen, beleidigen – auf den Straßen deutscher Großstädte eskaliert die Gewalt junger Haudraufs. Überproportional daran beteiligt: Jugendliche aus Migrantenfamilien. Woran liegt’s?

Gewaltforscher sprechen von sozialer Desintegration. Es geht also um das Auseinanderfallen der Gesellschaft, um Arm und Reich, Unten und Oben. Vor allem aber geht es um Teilhabe oder Ausgeschlossensein: Ist man dabei, gehört man dazu – oder bleibt man außen vor? Das Schlüsselwort bei der Suche nach Ursachen jugendlicher Gewalt ist: Anerkennung. Kein Mensch kann auf Dauer ohne leben. Unsere Gesellschaft aber verknappt diese Ressource zunehmend.

Wer Zugang zu einer guten Schulbildung, einer Lehrstelle und einem Arbeitsplatz hat, dem eröffnet sich damit die Chance auf eine befriedigende Anerkennung seines Status. Wer in dem Gefühl lebt, am öffentlichen Diskurs teilnehmen zu können und mit seinen Anliegen gehört zu werden, der kann daraus moralische Anerkennung schöpfen: als Bürger, der ernst genommen wird in einer Gesellschaft, die ihn gerecht behandelt und fair und solidarisch ist.

Wenn aber die Anerkennung durch die Gesellschaft ausbleibt, steigt die Bedeutung von Milieus und Familien als Quell emotionaler Wertschätzung. Eben da wird es schwierig. Denn allzu oft fehlt es an guten Vorbildern, die Orientierung, Halt und Stärke vermitteln könnten. Stattdessen erleben Kinder Eltern, die sich streiten, und Väter, die – aus einer Gewalt legitimierenden Machokultur heraus – ihre Frauen schlagen. Jungen wie Mädchen verbringen ihre Freizeit vor dem Computer, schauen Fernsehen und Filme, sehen sich gewaltverherrlichende Musikvideos an – und schließen sich mit Ihresgleichen zusammen. Die Erziehung verlagert sich auf die Straße.

Die Subkultur der Gleichgesinnten ist der einzig verbliebene Ort, Gewalt im Erleben vieler die einzig verbliebene Möglichkeit, sich Respekt zu verschaffen. Koste es, was es wolle, zu welchem Preis auch immer: Mag es gesellschaftlich geächtet sein, andere zu schlagen und auszurauben – in der Gruppe ist Gewalt hochattraktiv, weil effektiv: Die Verhältnisse sind schnell geklärt, Verlierer und Sieger stehen schnell fest. Gewalt stiftet Identität. Gewalt stärkt das Ego.

Was also ist zu tun? Eine Möglichkeit: Der Staat verstärkt seinen Repressionsapparat. Das ist nicht sehr erfolgversprechend, ein Herumdoktern an Symptomen. Zweite Möglichkeit: neue Formen der Anerkennung. Eine Schule, die nicht Schwächen sucht, sondern nach Stärken fahndet. Eine Kultur des Hinguckens, verstanden als Versuch, gute Beispiele zu finden, Vorbilder an gelungener Integration, erfolgreiche Biografien. Und, zuletzt: eine erfolgreiche Arbeitsmarktpolitik. Das ist nach allem, was wir wissen, noch immer die beste Kriminalitätsbekämpfung.

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