Meinung : Gewaltfreie Wut

Margot Käßmann

Dass durch die Mohammed-Karikaturen religiöse Gefühle aufgewühlt sind, verstehe ich. Aber die Resonanz ist absolut unangemessen und meines Erachtens durchaus gezielt gesteuert. Auch Christen empfinden manches Mal, dass ihre Gefühle verletzt werden. Aber die Antwort darauf kann doch nicht sein, mit Gewalt zu drohen! In einer Demokratie ist dann darüber zu sprechen, wie religiöse Gefühle respektiert und geschützt werden können. Dabei ist die freie Meinungsäußerung hoch einzuschätzen. Wenn aber der Eindruck entsteht, jemand legt es gezielt darauf an, Menschen, die an Gott glauben, zu schockieren, und das ist der einzige Inhalt, ist das unangemessen. Aber es gehört zur Religion dazu, etwas Humor zu haben. Und zu überlegen: Wird denn etwas dargestellt, das tatsächlich eine ernsthafte Anfrage an die Religion ist? Ruft der Islam denn zur Gewalt auf? Damit müsste die Kirche fertig werden, damit muss auch der Islam fertig werden, wenn er demokratiekompatibel sein will. Der Islam müsste sich der Frage stellen, was es denn eigentlich bedeutet, wenn diese Religion immer mehr mit Terror gleichgesetzt wird. Das ist doch auch ein Vorwurf, der ernst genommen werden muss. Für mich steht aber außer Frage, dass die Auseinandersetzung über eine solche Angelegenheit gewaltfrei stattfinden muss. Eigentlich müssten Muslime dagegen aufbegehren, dass in ihrem Namen Gewalt verübt wird. Aber im Moment bestätigen sie ja die Karikatur. Für mich stellt sich aber auch die Frage, was es bedeutet, wenn wir mit dem Bild zweier Deutscher leben müssen, deren Leben angeblich im Namen des Islam bedroht wird. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits finde ich: Es gibt Grenzen, niemand sollte religiöse Gefühle aus Spaß verletzen. Es gibt religiöse Bereiche, die Menschen heilig sind. Aber wir müssen auch damit leben, dass Religion hinterfragt wird bis hin zur Karikatur und müssen dialogfähig sein. Gewalt und Religion sind für mich vollkommen unvereinbar.

Die Autorin ist Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Hannover.

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