Meinung : Ghandis Gang nach Canossa

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Von Caroline Fetscher

Auf diesen Tag haben viele auf dem Balkan gewartet. Ibrahim Rugova, amtierender Präsident des von der UN verwalteten Kosovo sagt als Zeuge gegen den ehemaligen Staatschef Jugoslawiens aus. Rugova, dessen moralische Integrität unumstritten ist, wird der Vernehmung mit gemischten Gefühlen entgegengesehen haben. Noch immer ist nicht ganz geklärt, wie es dazu kam, dass der „albanische Ghandi“ und damalige Präsident des Schattenstaates „Republik Kosova“, während der Bombardierung das Kosovo verließ, und nach einigen Treffen mit Milosevic in Belgrad bis Kriegsende in Rom ins Exil ging.

Hat der gemäßigte Politiker damals gemeinsame Sache mit den Unterdrückern gemacht, um seine Haut zu retten? Rugova umschiffte die Klippen in der Hauptvernehmung mit eher knappen Aussagen. Was ihm denn übrig geblieben wäre, war sein Tenor. Ohne Einfluss, ohne Bewegungsfreiheit im Land, und „ohne Volk“ – die meisten waren vertrieben. Zu den Treffen in Belgrad sei er von bewaffneten Milizen gezwungen worden. Er hat dort die unbeugsame Haltung des Diktators persönlich erlebt, den Rugovas Berichte über Verfolgung und Morde offenbar nicht berührten. „Verträge“ und „Abkommen“ mit Serbien, sagt Rugova, musste er in jenen Wochen gegen seinen Willen unterschreiben, „Gespräche“, sagt er „fanden gar nicht statt".

Rugova hat bisher über die Ereignisse im April und Mai 1995 geschwiegen. In Den Haag mussten sie zur Sprache kommen. Der Politiker hat, so scheint es jetzt, damals vor allem pragmatisch und in einer Mischung aus Resignation wie Hoffnung gehandelt. Offenbar wollte er nicht als Held sterben, sondern für sich, seine Familie – und für die Zukunft seines Landes – am Leben bleiben. Belgrad war darauf aus, ihm seine Glaubwürdigkeit zu nehmen. Das Kalkül ging nicht auf.

Rugovas albanische Anhänger, die ihn trotz dieser dunklen Flecken wieder zum Präsidenten wählten, haben ihm offenbar verziehen. Der führende Kopf des heute UN-verwalteten Kosovos, einst Präsident des Schriftstellerverbandes, sprach oft seufzend und mit matter Stimme. Seine jungen politischen Widersacher, die zum Großteil aus der Befreiungsarmee UCK hervorgingen, werden versuchen, die sympathischen Schwächen des alternden Mannes auszunutzen.

Der Westen tut gut daran, Rugova weiter zu stützen, dessen passiver Widerstand während der 90er Jahre kaum wahrgenommen wurde. Erst die Rabiateren, Jüngeren von der UCK erreichten, dass die Lage im Kosovo auf die Tagesordnung kam. Heute braucht man sie beide: die Zähmbaren unter den Jungen, und den weisen alten Mann. Auf der Webseite einer serbischen Agentur schrieb gestern ein Widersacher: „Mal sehen, ob der sich traut, nach Kosovo zurückzukehren.“ Er wird sich trauen. Und er verdient dort jeden Schutz. Es spricht für die Mehrheit der Albaner im Kosovo, dass sie dem milden alten Mann weiter vertrauen.

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