Gipfeltreffen zur "Seidenstraße" : Was Peking sich zusammenspinnt

China arbeitet an einer neuen „Seidenstraße“ – und damit an seiner Weltgeltung von morgen.

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Die deutsche Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang. Foto: Parker Song/Kyodo News/AP/dpa
Die deutsche Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries und der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang.Foto: Parker Song/Kyodo News/AP/dpa

Ein paar zusätzliche Güterwagen, „die, beladen mit Stahl und Schuhen, von Chongqing nach Duisburg rollen, machen die Handelsbilanz nicht fett“, wurden dieser Tage „Kreise europäischer Diplomaten“ zitiert. Von fünf Güterzügen, die eintreffen, fahren vier unbeladen wieder zurück.

Alles nicht so doll, soll das heißen. Die Chinesen reden die neue Bahnverbindung stark, die derzeit noch kaum bedient wird. Andererseits hält die Volksrepublik in Peking soeben ein Gipfeltreffen zu ihrer „Seidenstraßeninitiative“ ab, bei dem Staatspräsident Xi Jinping gestern einmal mehr „größere Offenheit und Kooperation“ forderte und dem freien Welthandel das Wort redete – versüßt mit weiteren Finanzierungszusagen in dreistelliger Milliardenhöhe für Infrastrukturprojekte entlang der geplanten Handelswege. Damit ist die Billionengrenze schon überschritten, die die Volksrepublik in die Entwicklung des Welthandels stecken will, genauer: ihres Welthandels.

Denn die „Wirtschaftskorridore“, die unter dem Namen „Ein Gürtel, eine Straße“ von China über Russland durch Osteuropa sowie über den Iran bis in die Türkei skizziert werden, sollen mit chinesischem Geld zu Zonen der Produktion entwickelt werden, vor allem aber Absatzwege und -märkte für die chinesische Wirtschaft etablieren. Kommt zunächst die gewaltige Bauindustrie Chinas zum Zuge, die jetzt schon in aller Welt Eisenbahnen und Häfen baut, so ist es mittelfristig die gesamte Industrieproduktion, der ihr heimischer Markt eines Tages zu klein werden wird – im Blick die Abschottungstendenzen, die US-Präsident Trump zumindest verbal verfolgt.

Wir werden Zeuge eines welthistorischen Wandels

Die Volksrepublik, und das heißt immer noch die Kommunistische Partei Chinas, denkt langfristig. Und sie denkt nicht nur, sie handelt auch in einer für den westlichen Politikbetrieb unvorstellbar langfristigen Perspektive. Nichts ist darum verfehlter, als über erste, wenig beeindruckende Früchtlein solcher Politik zu spotten, wie über die „paar Güterwagen“, die in Duisburg einrollen. Das sind nur Demonstrationsobjekte: Seht her im Westen, es geht! Da rollt etwas!

Längst hat China in Europa Fuß gefasst, hat Stützpunkte aufgebaut wie in Piräus. Allerorten wird die Infrastruktur geschaffen, die das Reich der Mitte benötigen wird, um seinen Güterverkehr auf unverrückbar feste Füße zu stellen.

Auch wenn es großspurig klingt: Wir werden Zeuge eines welthistorischen Wandels. China will den Platz zurückgewinnen, den es vor Jahrhunderten schon besaß – den der nicht nur quantitativ größten, sondern auch produktivsten und innovativsten Volkswirtschaft der Welt. Einst hat sich China aus dem maritimen Handel zurückgezogen, als der gerade den Entwicklungssprung zum globalen Verkehr vollzog. Doch aus der Vergangenheit hat die chinesische Führung noch immer ihre Lehren gezogen.

Die neue Lehre trägt den beschönigenden Titel „Seidenstraße“. Gemeint ist alles andere als Orient-Romantik. Es geht um die künftige Ausrichtung der Waren- und Wohlstandsströme. Diesmal mögen die großen Volkswirtschaften USA, Japan und Deutschland dem „Seidenstraßengipfel“ noch die kalte Schulter zeigen. Bald, sehr bald schon aber ist Politik mit kühlem wie auch kühnen Verstand gefragt.

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