Großbritannien : Überall Verwahrlosung

Gewalttätige Ausschreitungen haben in Großbritannien durchaus Tradition und moralisch verwahrlost zeigten sich auf der Insel zuletzt auch vermeintliche Eliten. Bei den aktuellen Krawallen handelt es sich aber nicht um eine Rebellion der sozial und politisch Ausgegrenzten.

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"Keep calm and carry on" ist ein Leitspruch der Briten. Hier eine humorvolle Variation an der zerstörten Front eines Süßwarenhändlers. Frei übersetzt: "Ruhig bleiben und weiter zuckern".Weitere Bilder anzeigen
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12.08.2011 17:40"Keep calm and carry on" ist ein Leitspruch der Briten. Hier eine humorvolle Variation an der zerstörten Front eines...

Vor wenigen Wochen blickte ganz England noch fröhlich auf Pippas privilegierten Po, und Jugendliche, die sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, galten als Helden der Freiheit. Nun stehen die Jugendlichen nicht mehr in Tunis auf der Straße, sondern in Tottenham, und die Versuchung, darin Ähnlichkeiten zu erkennen, ist groß. Wieder wehrt sich eine verlorene Jugend gegen ihre soziale und ökonomische Ausgrenzung und fordert von den Eliten, denen ganz offenbar das Gefühl für ihre eigene Bevölkerung abhanden gekommen ist, ihr Recht ein: Niemand hat mir je eine richtige Chance gegeben, sagt ein 19-Jähriger im frisch gestohlenen Fred-Perry-Pulli, und schon brechen alle Politiker ihren Urlaub ab.

Der Deutung, es handle sich bei den Ausschreitungen in Großbritannien um eine Rebellion der sozial und politisch Ausgegrenzten, steht gleichwohl einiges im Weg. Den Krawallen fehlt nach wie vor jegliche politische Unterfütterung. Die Wege der Jugendlichen führten nicht zum Sitz der Regierung, sondern zur Befriedigung von Konsumansprüchen. Smartphones nahmen die vermeintlich unterprivilegierten Plünderer mit, Milch und Brot ließen sie liegen, und auch dem Buchladen Waterstone’s in Clapham Junction wurde kein Blatt gekrümmt. Es handelt sich um Raubzüge durch die eigene Nachbarschaft, nicht um Sehnsucht nach Freiheit oder auch nur um den Protest gegen die Erhöhung der Studiengebühren. Warum auch, der 19-Jährige im Perry-Pulli hat ja nicht einmal einen Schulabschluss.

Zum anderen stehen die erschreckend gewalttätigen Ausschreitungen, die sich längst auch auf andere Großstädte Großbritanniens ausgeweitet haben, in einer unrühmlichen Tradition. Britische Fußballhooligans haben immer wieder ähnliche Spuren der Gewalt hinterlassen, und wer an einem Freitagabend durch Londons Straßen läuft, freut sich, wenn er sich nur gegen Erbrochenes zur Wehr setzen muss. New Labour hatte deshalb schon vor Jahren eine Kampagne gegen solch aggressives, asoziales Verhalten gestartet. Viel hat sie damit, wie jetzt deutlich wird, nicht bewirkt.

Dieser Zerstörungswut ist im Moment nur die Polizei entgegenzusetzen, die erstaunlich große Mühe hat, Herr der Lage zu werden. Doch die Szenen der Gewalt werden, wie schon bei den Unruhen in den Pariser Vorstädten vor einigen Jahren, noch nachwirken. Die britische ist zwar zweifellos eine Gesellschaft, die historisch stärkere soziale und ökonomische Differenzen ertragen hat als zum Beispiel die deutsche. Doch die Abkopplung eines ganzen gesellschaftlichen Milieus, das von einer großen Erwartungshaltung, aber einem Desinteresse an Partizipation und Politik gekennzeichnet ist, wird sich auch Großbritannien auf Dauer nicht leisten können.

Die Krawalle treffen die politische Führung des Landes zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Ein ähnlicher Fackellauf von Randalierern während der Olympischen Spiele in London im kommenden Jahr wäre eine Katastrophe für das Land. Doch das harte Sparprogramm von Premier Cameron beginnt gerade erst zu greifen, und angesichts der wirtschaftlichen Lage ist an ein aufwendiges Sozialstaatsprogramm für die betroffenen Nachbarschaften nicht zu denken. Der Spielraum der Regierung ist eingeschränkt.

Gleichzeitig ist immer noch die Verunsicherung zu spüren, von der die britischen Eliten nach dem Abrechnungsskandal der Parlamentarier und dem Abhörskandal bei der Boulevardzeitung „News of the World“ erfasst wurden. Plötzlich war offenbar geworden, wie korrupt und moralisch verwahrlost die Politik und Polizei sind. Und nun sollen Polizisten, die mitgeholfen haben, Handymailboxen zu plündern, verhindern, dass Handygeschäfte geplündert werden. Und Politiker, die sich auf Kosten des Landes bereichert haben, sollen Jugendliche in die Schranken weisen, die geklaut haben.

Dass sie das nicht besonders glaubwürdig tun können, beschreibt, wie weit die Krise Großbritanniens über die gewalttätigen Ausschreitungen in den Großstädten hinausgeht.

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