Meinung : Grüne Woche: Tanz um das verrückte Kalb

War da was? Heute beginnt in Berlin die Grüne Woche, aber ihr Programm liest sich so, als wäre nichts geschehen. Als gäbe es den Rinderwahn gar nicht. Allerdings dürfte es in diesem Jahr schwer werden, das Hohefest der deutschen Landwirtschaft mit der gewohnten Unbefangenheit zu feiern. Ohne nach Rindsbestandteilen zu fragen, lässt sich höchstens noch Wein oder Schnaps verkosten. Das könnte manchen den traditionellen Familienausflug auf die Grüne Woche noch weiter vermiesen. Ohnedies gibt es dort kaum noch etwas umsonst, was die Begeisterung schon in den Vorjahren etwas gedämpft hatte.

Zwar will sich die Grüne Woche modernisieren und wirbt deshalb mit poppigen Plakaten für die Verbrauchermesse. Allerdings hinterlässt etwa das Plakat einer "Kuh mit Pony" den Eindruck, als hätten die Veranstalter gar nichts kapiert. Eine Kreuzung aus Rind und Pferdchen wirkt in Zeiten von BSE nun mal nicht Vertrauen erweckend. Zudem war die Grüne Woche in den Vorjahren trotz eines prominenten Aufgebots von Fachleuten auch nicht der Ort, an dem Ideen für die Landwirtschaft der Zukunft ausgetauscht wurden. Dieses Jahr könnte sich das ändern: Gejammert hat der Deutsche Bauernverband auf der Grünen Woche schon immer. Diesmal hat Bauernpräsident Gerd Sonnleitner sogar den "Notstand" verkündet. Er beschreibt damit "den Rückstau der Tiere auf den Höfen" und die dramatischen Einkommenseinbrüche für die Rinderzüchter. Doch tatsächlich geht es darum, dass die Bauernlobby mit ihren erprobten Rezepten am Ende ist.

Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik müssen sich die Bauern mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nur noch so wichtig genommen werden, wie ihre Wirtschaftsleistung und ihr Stimmenpotenzial das nahe legen. Dass es einmal so kommen könnte, hatte der Bauernverband schon beim Regierungswechsel vor gut zwei Jahren geahnt. Doch Karl-Heinz Funke, der sich redlich mühte, die Politik seines Vorgängers fortzusetzen, rettete den Bauernverband noch einige Zeit über diese Erkenntnis hinweg. Mit der neuen Verbraucherministerin Renate Künast gibt sich selbst der Bauernpräsident keinen Illusionen mehr hin. Mit Treckerdemonstrationen ist diese Regierung bestimmt nicht zu schocken. Und mit einem Wahlboykott schon gar nicht. Schließlich hat noch selten ein Bauer SPD gewählt. Rot-Grün hat bei den Verbrauchern viel mehr (Stimmen) zu verlieren.

Doch ob sich die Agrarwende mit den Verbrauchern allein erreichen lässt, ist alles andere als ausgemacht. Zwar geht die Verunsicherung diesmal tiefer als bei jedem vorangegangenen Lebensmittelskandal. Aber weder Hormonkälber noch Dioxin-Hühner haben je zu einem dauerhaft veränderten Verbraucherverhalten geführt. Das Gedächtnis der Verbraucher hat sich stets als kurz erwiesen. Darauf hat der Bauernverband auch diesmal gehofft. Zumal erschwerend hinzu kommt, dass der deutsche Lebensmitteleinzelhandel seinen Konkurrenzkampf bisher auch nicht über Qualität, sondern ausschließlich über den Preis ausgetragen hat. Die Verbraucher sind seit den 90er Jahren daran gewöhnt, dass sie nur noch 15 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel aufwenden müssen. Ob sie bereit sein werden, dauerhaft höhere Preise für eine bessere Qualität in Kauf zu nehmen, weiß derzeit noch niemand.

Andererseits haben die Verbraucher im Falle gentechnisch veränderter Lebensmittel auch schon einmal bewiesen, dass sie sich nicht alles auftischen lassen. Darauf muss die neue Verbraucherministerin aufbauen, wenn es ihr mit der Reform der Landwirtschaft wirklich ernst ist. Gelingt es, bis in zehn Jahren den Anteil der ökologischen Lebensmittelerzeugung auf zehn Prozent zu verfünffachen, wäre das tatsächlich eine Wende. Sie kann jedoch nur dann gelingen, wenn es die Bauern schaffen, die längst verlorenen regionalen Märkte zurückzuerobern. Sie müssen den Verbrauchern überzeugend beweisen können, dass sie gesunde Lebensmittel erzeugen. Dann haben sie trotz Globalisierung eine Überlebenschance. Und dann haben die Berliner auf den Grünen Wochen der kommenden Jahre vielleicht auch wieder mehr Spaß an ihrem traditionellen Familienausflug.

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