Gurlitt-Bilder : Da steht Hitler drauf!

Der Kunstfund in München befeuert die Fantasie. Doch um die Bilder geht es weniger: Ihr Wert definiert sich durch den Stempel "Drittes Reich". Was sagt das über das tatsächliche Kunstinteresse aus?

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"Paar" von Hans Christoph: Nur interessant mit Hitler-Stempel?
"Paar" von Hans Christoph: Nur interessant mit Hitler-Stempel?Foto: dpa

Vor 30 Jahren erschütterte und amüsierte ein Nazi-Skandal die Welt. Der „Stern“ hatte – schlecht beraten von Historikern, getrieben von Sensationsgier und männerbündlerischen Intrigen innerhalb des Konzerns – frei erfundene „Hitler-Tagebücher“ präsentiert. Sie stammten aus der Werkstatt des Kunstfälschers Konrad Kujau. 62 Bände hatte der Hochbegabte angefertigt und der Zeitschrift für 9,3 Millionen Mark angedreht. Am Ende musste nur die deutsche Pressegeschichte umgeschrieben werden.
Die Turbulenzen von 1983, die Helmut Dietl zu der Kinokomödie „Schtonk“ inspirierten, wirken in diesen Tagen, da immer mehr über den Münchner Kunstfund bekannt wird, wie ein Wetterleuchten. Sicher: Was da in der verwahrlosten Wohnung des Kunsthändlersohns Cornelius Gurlitt lagerte und sich nun in staatlicher Obhut befindet, ist kein Konvolut à la Kujau. Wenigstens eine Kunsthistorikerin hat die 1400 Werke in Augenschein genommen, und was jetzt ins Internet tröpfelt, scheint echt zu sein.
Echt von Chagall, Dix, Kirchner, Spitzweg, Canaletto usw. Aber die Affäre erfordert Geduld. Mehr Geduld, als die Öffentlichkeit aufbringt. Noch ist nur ein Bruchteil dessen geprüft, was in den Medien sogleich als „Schatz von München“ im Wert von „einer Milliarde Euro“ galt. Was die Bilder und Zeichnungen in Wahrheit so kostbar macht, ist der Stempel der Geschichte, „Drittes Reich“. Da ist die Verbindung zu den „Hitler-Tagebüchern“.

Es geht nicht um die Kunst, sondern nur um das "Entartete"

Der Nachlass des Hildebrand Gurlitt, der im Auftrag der nationalsozialistischen Behörden agierte und auf eigene Rechnung, lagerte jahrzehntelang in billigen Regalen und steckt nun prächtig in einem Krimi-Plot. Raubkunst, Unterschlagung, „entartete“ Maler, undurchsichtige Geschäfte – die Ingredienzien eines internationalen Bestsellers. Da steht Hitler drauf, da ist verdammt viel Diktatur, Kriegs- und Nachkriegsgeschichte drin.
Und so wenig, wie es noch um die ursprüngliche Steuerhinterziehungsermittlung gegen Gurlitt junior geht, so wenig geht es jetzt noch um Kunst. Wo hält sich der offensichtlich verwirrte alte Mann auf, hat er in Salzburg noch mehr Schätze, wie viele Bilder stehen im Netz, warum ist die Auflösung so schlecht, spinnt die Staatsanwaltschaft, was sagt das Ausland? Das sind die Fragen. Und was macht eigentlich Uli Hoeneß?

Die Faszination des Tatorts bestimmt beim Tätervolk das Geschehen. Das Interesse an den Bildern im Einzelnen dürfte zweitrangig sein. Auch die Frage nach der Provenienz klingt schal, wenn man sich an die Causa Kirchner erinnert. Das Gemälde „Berliner Straßenszene“ wurde 2006 vom Senat an die Erbin eines jüdischen Kunstsammlers zurückgegeben und für 30 Millionen Euro in New York versteigert. Groß war die Empörung!
Seltsam mutet das plötzliche allgemeine Interesse an Malern wie Otto Dix und der Neuen Sachlichkeit an. Die Neue Nationalgalerie besitzt eine gute Sammlung, wird sie jedoch auf Jahre hin wegen Platzmangel und Bauarbeiten nicht zeigen können. Protestiert jemand? Die Berlinische Galerie bietet derzeit die Schau „Wien – Berlin“, mit Grosz und Dix und Dada. Wickelt sich eine Schlange ums Haus? Also hingehen, zu den Brüdern und Schwestern der Gurlitt-Asservate!

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