Guttenbergs : Speck oder Kanzler

Ein politisches Paar, das medial mehr hermacht als das durchschnittliche deutsche Politikerpaar. Warum die Guttenbergs, er und sie, gerade so in Mode sind.

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Karikatur: Klaus Stuttmann
Karikatur: Klaus Stuttmann

Im kommenden Jahr wird Guttenberg CSU-Chef und bayerischer Ministerpräsident. Im kommenden Jahr wird Guttenberg Kanzler und Nachfolger von Merkel. Im vergangenen Jahr titelte der „Spiegel“ über Guttenberg: „Der Entzauberte“, in dieser Woche waren „die fabelhaften Guttenbergs“ auf dem Cover des „Spiegel“. Im kommenden Jahr Lichtgestalt, oder auch Gichtgestalt, in diesen Zeiten ist alles möglich.

Karl-Theodor zu Guttenberg ist die derzeit prächtigste Sau, die durchs Dorf getrieben wird – nachdem Barack Obama bereits zu Speck verarbeitet worden ist. Und in dem von der Merkel-Diät ausgehungerten Dorf regt eine solche Sau natürlich den Appetit an. Die Faszination ist leicht nachvollziehbar: Guttenberg ist ein junger, attraktiver Mann, gut angezogen, eloquent, wohlhabend, und er ist verheiratet mit einer Frau, die ihm in nichts nachsteht. Er ist Verteidigungsminister, sie setzt sich gegen Kindesmisshandlung ein. Ein politisches Paar, das medial mehr hermacht als das durchschnittliche deutsche Politikerpaar. Weder die Beliebtheit der beiden noch die Gerüchte um die politische Zukunft von Guttenberg sind deshalb verwunderlich. Was letztlich aus ihm wird, Kanzler oder Speck, wird sich zeigen. Er ist talentiert, hat bereits einige Fehler gemacht und vielleicht daraus gelernt: Noch ist also alles möglich. (Auch wenn das Szenario, dass die CDU nach einer verlorenen Wahl in Baden-Württemberg ihre Kanzlerin durch einen CSU-Mann ersetzt, eher unwahrscheinlich bleibt.)

Karl-Theodor zu Guttenberg ist aber auch noch adlig, und das demokratietheoretisch Interessante daran ist, dass ihn diese Tatsache in den Augen vieler Wähler noch attraktiver macht. Er ist beliebt, gerade weil er adlig ist. Vielleicht, weil die vermeintlich adlige Lebensweise in bestimmten Kreisen gerade en vogue ist: Man trifft sich heute nicht auf dem Golfplatz, sondern auf der Jagd.

Viel wichtiger jedoch: Der Adel steht für eine überindividuelle Perspektive, für historische Kontinuität. Nach dem Krieg war der Bezug auf vergangene Familiengeschichte im Osten noch ein politischer Störfaktor. Seit 1989 und dem Wiedererwachen mitteleuropäischer Identität verkörpert die westdeutsche Adelsfamilie, die in Polen den alten Besitz instand setzt, jedoch europäische Kontinuität und Einheit. Es ist kein Zufall, dass Karel Schwarzenberg heute Außenminister der tschechischen Republik ist: Der supranationale Charakter vieler Adelsfamilien ist in der EU von heute plötzlich durchaus wieder zeitgemäß.

Diese Perspektive, also Politik historisch zu denken und den Überbau zu liefern, ist heute selten, aber offenbar sehr erwünscht. Guttenberg vermittelt den Eindruck, dass ihm, der auf eine 900-jährige Familiengeschichte zurückblickt, dieses Denken – und das daraus folgende Handeln – leichter fällt als anderen Politikern. In dieser Perspektive werden die übrigen parteipolitischen Großakteure notwendigerweise kleiner.

Guttenberg kann die Politik zugleich als Hobby betreiben: Er ist wohlhabend genug, um sich nicht in eine Dienstwagenaffäre verwickeln oder an politischen Mandaten festklammern zu müssen. Er ist damit vom System unabhängig, aber zugleich auch unberechenbar. „Dieser Baron aus Bayern da“, rief Gerhard Schröder, der sich von ganz unten hochgearbeitet hatte, weil er dachte, im egalitären Deutschland Guttenberg damit kaltstellen zu können. Das Gegenteil ist eingetreten: Guttenberg profitiert davon, dass er sich als Gegenmodell zum gewöhnlichen Politiker präsentieren kann.

Adlige Macht ist historisch undemokratisch, und das erklärt, warum Guttenberg so kleinbürgerlich betont, man habe „verdammt noch mal seine Arbeit zu machen“. Zugleich instrumentalisiert er diese adlige Herkunft, indem er aus ihr eine politische Haltung ableitet: wertebewusst, unabhängig, mutig. Meine adlige Herkunft, lautet die Botschaft, ist es, die mich von den übrigen mutlosen und angepassten Partei- und Politfuzzis in Deutschland unterscheidet.

Und diese Botschaft kommt offenbar an: Anders als bei Hermann Otto Solms, der Politik ohne Titel macht, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Begeisterung für Guttenberg auch jener Distanz zum parteipolitischen Tagesgeschäft gilt, die ihm aufgrund seiner Herkunft möglich ist.

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