Harald Martenstein : Gute Nachrichten von der Front

Die wichtigste Meldung der vergangenen Woche ist beinahe untergegangen. Sie lautete: Krieg ist wissenschaftlich überholt. Stuxnet zeigt, wie Auseinandersetzungen in Zukunft geführt werden könnten.

Harald Martenstein.
Harald Martenstein.Foto: C. Bertelsmann

Vielleicht stehen wir am Beginn einer Epoche, in der es nur noch wenige Kriege gibt, wie man sie kannte, mit Bomben und Soldaten.

Der Iran arbeitet an einer Atombombe, weltweit gibt es nur wenige Menschen, die diese Aussicht erfreulich finden. Nun scheint ein extrem bösartiger Computerwurm namens Stuxnet die iranische Atomindustrie befallen zu haben. Eines der führenden Unternehmen für Computersicherheit, Symantec, hat den Wurm untersucht. Sie sagen, dass der Wurm gezielt die Zentrifugen angreift, mit deren Hilfe die iranische Regierung Uran anreichert. Der Wurm verändert die Drehzahl der Motoren, die Motoren verhalten sich, unter dem Einfluss des Wurms, noch unberechenbarer als Franz Beckenbauer. Mal dreht sich die Zentrifuge rasend schnell, dann bleibt sie plötzlich stehen, dann wieder dreht sie sich genau im Rhythmus von „Crocodile Rock“. Irgendwo steuert das jemand, dieser Jemand sitzt sehr wahrscheinlich in Washington, oder in Tel Aviv. Der Wissenschaftler und sein Präsident haben keine Kontrolle mehr über ihre Zentrifugen. Was seitdem genau passiert ist im Iran, weiß man nicht. Es gibt, laut Symantec, nur zwei Möglichkeiten: Entweder dem Präsidenten sind seine Zentrifugen um die Ohren geflogen, oder aber sie befinden sich, wegen dauernden Tempowechsels, in einem jämmerlichen Zustand. So oder so, das iranische Atomprogramm dürfte sich in einer komplizierten Phase befinden. Wikileaks behauptet, der Chef des Atomprogramms sei zurückgetreten, nervlich zerrüttet von dem Wurm. Somit hat die Welt Zeit gewonnen, Zeit, in der sich die politischen Verhältnisse im Iran ändern könnten.

Dass man Auseinandersetzungen neuerdings auf diese Weise führen kann, ist eine gute Nachricht. Es fallen keine Bomben, niemand stirbt, vorausgesetzt, der Leiter des Atomprogramms wird nicht zum Tode verurteilt. Allerdings dürften über diese sogenannten Cyber-Waffen bald auch andere verfügen. Der Sprecher des Chaos-Computer-Clubs, das sind Leute, die sich gut auskennen, behauptet, es sei nur eine Frage der Zeit. Besonders anfällig für Manipulationen seien Atomkraftwerke. Was Stuxnet mit den Zentrifugen getan hat, könnten auch Terroristen mit Atomkraftwerken anstellen. Da habe ich mich wieder einmal darüber gefreut, dass deutsche Atomkraftwerke, obwohl manche schon sehr alt sind und noch viele Jahrzehnte laufen sollen, laut unserer Regierung, die niemals lügt, völlig unzerstörbar sind. Alles auf der Welt kann kaputtgehen, jede Industrieanlage kann von Cyberwaffen pulverisiert werden – nur ein deutsches Atomkraftwerk nicht. Das ist zweifellos die zweite gute Nachricht dieser Woche.

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