Harald Martenstein : Innere Stimme

Sigrid Schmidt ist 51 Jahre alt und arbeitet 39 Stunden in der Woche. Wenn sie kündigen würde, gehörte sie nicht mehr zu denjenigen, denen der Staat die Hälfte wegnimmt. Im Grunde ist es erstaunlich, dass immer noch Leute arbeiten.

Harald Martenstein
Martenstein
Harald Martenstein -Foto: tsp

Sigrid Schmidt ist 51 Jahre alt und arbeitet 39 Stunden in der Woche. Sie verdient ungefähr 2000 Euro. Das ist nicht viel, aber normal. Es gibt Leute, die weniger bekommen. Von diesen 2000 Euro werden ihr etwa 1000 Euro netto ausgezahlt, den Rest kassiert der Staat. Sie ist verheiratet und in der ungünstigen Steuergruppe fünf. Wenn sie in der günstigen Steuergruppe wäre, würde sie etwa 1200 kriegen, auch nicht so toll. Klar, von den 1000 Euro kann man leben, wenn man sich Mühe gibt. 1500 Euro wären schon eine etwas andere Sache, da wäre das Leben entspannter. Ich verdiene 2000 Euro, sagt sich Sigrid Schmidt, so viel ist meine Arbeit wert, aber ich soll von 1000 Euro leben, nein, halt, es gibt ja noch meinen Mann, der etwas besser verdient und dem der Staat etwas mehr übrig lässt, ich soll zu meinem Mann gehen und, falls ich mal etwas kaufen will, ihn um Geld bitten, das ist offenbar die Idee.

Wenn ich nicht arbeite und nicht heirate, sagt sich Sigrid Schmidt, wenn ich diesen ganzen bürgerlich-gesellschaftlichen Standard-Kram mal völlig beiseite lasse, wenn ich einfach gar nichts mache, dann kriege ich vom Staat etwa 350 Euro plus Wohnung plus Heizung, macht unter dem Strich fast das, was ich jetzt habe, das Minimum. Mit dem Unterschied, dass ich nicht arbeiten muss, weniger Kosten anfallen, die BVG-Karte zum Beispiel spare ich mir, auch die Büroklamotten, und ich arbeite noch ein paar Stunden schwarz, dann habe ich mehr als jetzt. Ich würde nicht mehr zu denen gehören, denen der Staat, weil sie arbeiten, die Hälfte wegnimmt, ich wäre eine, die vom Staat etwas kriegt. Noch besser: Ich könnte klagen und schimpfen. Ich könnte sagen, dass mein Schicksal, mit knapp 1000 Euro, menschenunwürdig, skandalös und würdelos ist, während ich, wenn ich fast genau die gleichen 1000 Euro mit Arbeit verdiene, eine bin, die niemand bemitleidet, sondern eine, die kriegt, was ihr zusteht.

Im Grunde ist es erstaunlich, dass immer noch Leute arbeiten, denkt Sigrid Schmidt, für ein Leben, das man ganz gut auch ohne Arbeit führen könnte. Warum tun die das? Vernünftig ist es nicht. Sicher, es heißt, Arbeit gibt dem Leben Inhalt oder Sinn, aber, mein Gott, man kann auch ehrenamtlich sinnvolle Dinge tun.

Sigrid Schmidt horcht in sich hinein, sie hört eine Stimme. Du musst auf eigenen Beinen stehen! Du sorgst für dich selber, du liegst niemandem auf der Tasche! Du arbeitest! Ist es die Stimme ihrer Eltern? Sie weiß es nicht. Aber sie ahnt, dass es diese Stimme ist, mit ihrer unvernünftigen Botschaft, die in Millionen von Köpfen herumspukt, und dass diese innere Stimme, nicht das Grundgesetz, nicht Polizei oder Parteien, nein, dass diese Stimme unseren Staat und sein verrücktes System daran hindert, endgültig zusammenzubrechen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben