Harald Martenstein : Was treibt Kachelmann?

Wer Porsche fährt, ist ein rücksichtsloser Schnösel. Wer Araber ist, hat seine Affekte nicht unter Kontrolle. Wer schwul ist, kann nicht gut Fußball spielen. Aus A folgt B: so funktioniert das Vorurteil. Einerseits können wir ohne Vorurteile nicht leben, das Leben wäre zu kompliziert. Andererseits ist es so: aus A folgt keineswegs immer B. Die Menschen sind nämlich wirklich relativ kompliziert.

Über Schuld oder Unschuld des Moderators Jörg Kachelmann, der einer Vergewaltigung bezichtigt wird, soll das Gericht entscheiden. Unabhängig von dieser Schuldfrage muss Kachelmann damit leben, dass inzwischen jeder Interessierte über seine Sexualität Bescheid weiß. Er lebt nicht nur polygam, er bevorzugt auch Praktiken, die nicht mehrheitsfähig sind. Dazu gibt es eigentlich nicht viel zu sagen. Diese Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren darauf verständigt, dass alles erlaubt ist, was zwei Erwachsene in gegenseitigem Einverständnis miteinander tun und keine bleibenden Schäden verursacht. Das ist vernünftig, das ist menschenfreundlich.

Nun hat Alice Schwarzer an Kachelmann einen Brief geschrieben, der in „Bild“ abgedruckt wurde. Darin schreibt sie: „Vielleicht geht Ihnen auf Grund ihrer Sexualpraktiken alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall Nein sagt.“ Alice Schwarzer diskutiert also öffentlich über die Sexualität einer anderen Person, mehr noch, sie äußert sich abfällig. Jemand, der so etwas tut, ist – „vielleicht“ – auch als Verdächtiger in einem Vergewaltigungsprozess ein bisschen verdächtiger als andere. Ist es wirklich so, dass es eine richtige und eine falsche Sexualität gibt, eine verdächtige und eine unverdächtige, und dass Alice Schwarzer dazu berufen ist, darüber zu urteilen? Sie selber macht von dem Recht Gebrauch, ihr Intimleben im Dunkeln zu lassen, aber das hindert sie augenscheinlich nicht daran, Zensuren an jemanden zu verteilen, dessen Neigungen gegen seinen Willen geoutet wurden.

Nur in schlechten Filmen sind die Leute entweder Engel oder Teufel, in Wirklichkeit geht tatsächlich alles durcheinander. Der brave Biedermann schlägt aus heiterem Himmel seinen Nachbarn tot, der Ketten- und Peitschenfreund tut bis zum letzten Atemzug keiner Fliege etwas. Nur eines steht im Fall Kachelmann schon jetzt fest: Wie gut es ist, dass darüber nicht die Öffentlichkeit, nicht die Medien und auch nicht Alice Schwarzer urteilen, sondern Juristen, die sich hoffentlich nur für Indizien interessieren und nicht für die Frage, ob der Angeklagte polygam oder monogam ist, sympathisch oder unsympathisch, homosexuell oder heterosexuell oder sonst etwas.

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